Fragen zur Zeit , 2009

Michael Hübl

Auf die grobe Tour

Worin sich David Cernys „Entropa“ und die Politik Benedikts XVI. begegnen

Erregungsgenerator oder Langeweileverteiler: Zwischen diesen beiden Polen scheint die so genannte Kunst am Bau angesiedelt. Mal provoziert sie zornige Leserbriefe und markige Politikerworte, weil das Volk und seine Vertreter Scharlatanerie und ästhetischen Betrug wittern. Mal bleibt sie beinahe unbemerkt, weil ihre Formkompromisse und Allerweltsabstraktionen nicht mehr bedeuten als Mittelmaß-Mimikry: genauso belanglos wie die Bauten, denen sie, die Kunst, appliziert wurde. Das Elend der Plastiken, Reliefs oder Malereien, mit denen man öffentliche Plätze, Großbauten, gelegentlich auch Schallschutzwände repräsentativ aufwerten will, hat inzwischen nicht nur in einer langen Liste kritischer Literatur seinen Niederschlag gefunden. Es hat – als produktive Gegenreaktion – auch zu mehr Ernsthaftigkeit geführt mit dem Anspruch, die Kunst am Bau und im öffentlichen Raum als im weitesten Sinne politisches Forum zu nutzen. Als Ort, an dem gesellschaftliche Sachverhalte bewusst gemacht, Fragen aufgeworfen, Diskussionen angestoßen werden. Oder Kontroversen losgetreten werden, wie sie sonst allenfalls Päpste auslösen. Manchmal zeigt sich dann, dass zwischen beiden, zwischen den von der Kunst verursachten Anstößigkeiten und denen, die der Klerus in die Welt setzt, eine sozusagen interdisziplinäre Korrelation besteht. Eine Beziehung am Rande eines Abgrunds.

In dieser Hinsicht hat David Cerny mit seiner Arbeit für das Brüsseler EU-Ratsgebäude ins Schwarze getroffen. Er hat mit seinem dampfzischenden und LED-Botschaften aussendenden Großrelief „Entropa“ fast überall im scheinbar vereinten Europa nationalistische Reflexe ausgelöst. Politiker und Presse witterten sofort Hohn, Spott und Schmähung soweit das Auge reicht. „Kunst mit peinlichen Klischees entsetzt EU-Länder“ 1, hieß es…

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von Michael Hübl

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