Monografie · von Reinhard Ermen · S. 226
Monografie , 2009

Reinhard Ermen

Malte Spohr

Die Blätter wirken auf den ersten Blick gar nicht wie Zeichnungen. Die verschattete, chromatisch gebettete Textur mit ihren weichen Übergängen, verweigert sich zuerst dieser Klassifizierung. Beim genauen Hinsehen klärt sich das freilich über die Technik, dass nämlich diese weiche, geschlossene Spannung das Ergebnis dicht aneinander gesetzter Linien ist: Exakt, mit dem Lineal gezogen, stets horizontal! Die Arbeit des Zeichnens liegt offen zutage. Die Anmutung von Bildern aus einem Übergangsbereich produziert bei der Erkundung gleichzeitig die vorläufige Suche nach schon Gesehenem. Die Zeilenbilder des guten alten Fernsehens aus den Pionierzeiten dieses Leitmediums (man schaut noch Schwarz-Weiß), können ausgemacht werden. Doch Malte Spohrs magische Texturen sind trotz einer an Vexierbilder erinnernde Vielschichtigkeit selbstredend unbewegt. Es gibt eine Nähe zu fotografischen Erscheinungsweisen, oder wie Stefan Gronert einen Text über Spohr in diesem Sinne titelt, könnte das Motto auch lauten: „Mit dem Bleistift fotografieren“. Ein nostalgischer aber auch schwermütiger Zug liegt in den dasigen Blättern. Die zwielichtige Stimmung mit ihrer gleichsam additiven Farbe ergibt sich aus einem höchst produktiven Widerspruch von hochkonzentrierter Linearität und flächiger Verdichtung, deren Ergebnis eine geschlossene Atmosphäre, ja eine in Maßen malerischen Räumlichkeit ist. Partiell fühlt man sich an die Einordnungsversuche der Zeichnungen von Georges Seurat erinnert, die sich trotz ihrer unbestrittenen Zugehörigkeit zum Medium einer Definition durch die Linearität entziehen. Malte Spohr als eine exzeptionelle Ausnahme in Form eines reizvollen Paradox? Als linearer Apologet der weichen Fläche? Die von Matthias Bleyl im ersten Teil dieser Dokumentation vorgeschlagene Kategorie des „Hell-Dunkel“ zur klärenden Sichtung des Phänomens Zeichnung, scheint…

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