Titel: Zeichnen zur Zeit , 2009

Reinhard Ermen

Bild ist ja Musik und Musik ist Bild

Karlheinz Stockhausen zeichnet1

Der Beruf des Komponisten ist also der des Schreibenden“2, sagt Karlheinz Stockhausen 1959 in einem viel zitierten Vortrag bei den Darmstädter Ferienkursen und beschreibt damit ziemlich nüchtern die Arbeit an der Musik, die vor der Realisierung durch die Interpreten, erst geleistet werden muss. Der Terminus des Schreibens kommt dabei fast mit einem (ironischen) Understatement daher, denn das Schreiben an sich hat keinen schöpferischen Eigenwert, der Sprachgebrauch hat es zu einem Ersatzwort fürs Komponieren oder Dichten gemacht, wobei vorausgesetzt wird, dass hier das zuvor Erdachte fixiert wird. Im Idealfall liegen beide Vorgänge dicht beieinander. In der Schrift konkretisiert sich zum ersten Mal die Erfindung. Die Musik, die auch eine Konzeptkunst ist, hat ein vorläufiges Stadium erreicht, den Text! Als solcher ist er eine gewichtige Verlautbarung, die in der Zeichenschrift gleichzeitig mit einem prozessualen Gestus daherkommt. Eine stolze intellektuelle Elite konstatiert hier das Werk an sich, aber: Wer Partituren (nur) liest, bzw. lesen kann, ist dem Kunstgedanken (eben Konzeptkunst) womöglich am nächsten und verfehlt doch das EIGENTLICHE, den genuinen Aggregatzustand im (ephemeren) Erklingen.

Zurück zu Karlheinz Stockhausen! Der Grund für seine Überlegungen ist 1959 eine Musik, die sich in ihrer Weiterentwicklung und ständigen Ausdifferenzierung den überlieferten Aufschreibsystemen zusehends entzieht. Die zum Zeitpunkt der Überlegungen schier vollkommene Notation, die sich spätestens seit Beethoven zur „determinierten Ingenieurschrift“ 3 entwickelte, gerät an ihre Grenzen. Stockhausen formuliert die Suche nach einer neuen Methode, was er dabei ganz allgemein intendiert, grenzt an einen Paradigmenwechsel, er sprich von einer…

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von Reinhard Ermen

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