Titel: Zeichnen zur Zeit , 2009

Fritz Emslander

Raumzeichnungen

Von der Entgrenzung der Zeichnung in den Raum. Ein Panorama

Körperlos war sie per Definition, antiplastisch, als „Handzeichnung“ dem Papier eingeschrieben, als Flachware geborgen in den Schubladen der Kabinette – bis sich die Zeichnung Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre aus ihrem engen Operationsfeld emanzipierte, bis gattungsbezogene, konzeptionelle und materiale Schranken fielen: „Die Zeichnung hatte sich sowohl mit der Skulptur als auch mit der Malerei untrennbar verbunden und war mühelos in der Lage, neue Richtungen wie die Performance, das Happening, Fluxus sowie die nachdrängenden neueren Medien wie die Fotografie, den Film, später auch die digitalen Medien aufzunehmen beziehungsweise zu prägen.“ 1 Mit Nachdruck wurden die Grenzen zu anderen Gattungen aufgelöst, so dass das Medium Zeichnung heute in allen Bereichen der Gegenwartskunst nicht nur präsent ist, sondern vielerorts mit neu erprobten Methoden und Materialien auch die Entwicklung neuer Bildvorstellungen vorantreibt. Zeichnung ist „zum Experimentierfeld für das Nachdenken über Kunst und ihre Strukturen und für das Unterlaufen von inhaltlichen und formalen Erwartungen“ geworden.2

Dem produktionsseitigen Auszug der Zeichnung aus dem stillen Kämmerlein (Ort künstlerischer Introspektion) wie aus dem Zeichensaal (Ort akademischer Kunstübung) korrespondierte rezeptionsseitig ihre Verlegung aus dem verschwiegenen Vorlegesaal (exklusiver Ort kennerschaftlicher Würdigung) in den exponierten Oberlichtsaal (öffentlicher Ort der Kunstvermittlung), aus der Vitrine (klima- und lichtgeschütztes Refugium) in den Betrachterraum des Ausstellungsbesuchers (White Cube resp. Black Box). Die dort präsentierten zeichnerischen Arbeiten haben heute nicht nur das tradierte intime Format der Gattung überschritten. Sie greifen auch in die dritte Dimension aus und besetzen den Ausstellungsraum, indem ihre Lineaturen Raum füllend…

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von Fritz Emslander

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