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Titel: Künstlergruppen · S. 265 - 267
Titel: Künstlergruppen , 1991

Art Attack

Lynn Mc Cary, Evan Hughes, Alberto Gaitan

Mit Ausnahme von Arbeiten in der Performance-Art wurde die Arbeit des Künstlers in den Vereinigten Staaten gewöhnlich als einsame Tätigkeit verstanden. Da aus dem individuellen Arbeiten in einem Medium große Sprünge der Intuition hervorgegangen sind, sollte die Gruppenkunst nicht solche Ideen verfolgen, die auch einem in höherem Maße ideozentrischen Bereich verfügbar sind. „Art Attack“ ist eine zusammenarbeitende, multidisziplinäre und prozeßorientierte Künstlergruppe. Wir begannen vor über einem Jahrzehnt als eine offene Gruppe von Künstlern, die anonyme und nicht genehmigte Objekte im öffentlichen Raum plazierte. Mit dem Gebrauch von gefundenen und gebrauchten Materialien konnten die Installationen schnell zusam- mengebaut und den Launen des Wetters und der Behörden überlassen werden. Von Beginn an war es unser Konzept, das Publikum durch die Plazierung von etwas Neuem in ihrer vertrauten Umgebung am Prozeß zu beteiligen. Die Entwicklung einer zwingenden Form des Ausdrucks blieb ein Teil des grundlegenden Konzepts der Gruppe. Wir sind überzeugt davon, daß das Potential individueller Arbeiten unzureichend ist, solche umfassenden Aussagen zu formulieren, wie wir sie in der Zusammenarbeit realisiert haben.

Der Ausbau der Zusammenarbeit führte in der Entwicklung unserer Gruppe zu einer zweiten Phase. Im Laufe von zehn Jahren entwickelte sich die Gruppe um einen stärker organisierten und engagierten Kern von vier Künstlern. Je nach den Anforderungen eines Projekts fand auch eine vorübergehende Zusammenarbeit mit anderen Künstlern statt. Installationen wurden besser geplant, für den öffentlichen Raum wurden Genehmigungen eingeholt, und der Aufbau geschah vor Ort. Obwohl immer noch gefundenes Material verwendet wurde, begannen die Arbeiten stärker architektonische Komponenten auszuschließen. Bauwerke wurden als Ausstellungsorte gesucht und, je nach dem Ausmaß ihrer Inanspruchnahme, diesen hinzugefügt und/oder ausgespart. Der Antrieb, so vorzugehen, lag in der Herausforderung, daß die Gruppe mit dem, was zur Hand ist, arbeitet.

Ironischerweise entwickelten wir allmählich eine Technik der Zusammenarbeit, die jeden von uns in Richtung auf Spezialisierung trieb. Wir begannen, in größerem Maße uns gegenseitig auf die speziellen Fähigkeiten des anderen zu verlassen. Der Kontrast innerhalb der Gruppe, die aus zwei visuellen Künstlern, Lynn McCary (graphisches Design) und Evan Hughes (Design, Skulptur), einem Schreiber und Performer, Jared Hendrickson, sowie einem Musiker, Alberto Gaitan, bestand, mag diese Polarisation verstärkt haben. Wir glauben, daß dieser entropische Prozeß nicht so stark gewesen wäre, hätte es eine größere Ähnlichkeit zwischen unseren Spezialisierungen gegeben. Als wir diese Drift bemerkten, beschlossen wir, uns wieder auf unser Unternehmen zu konzentrieren.

Später versuchten wir, zu einer offeneren Arbeitssituation zurückzukehren, die eine Flexibilität der eingesetzen Medien und der individuellen Grade der Partizipation ermöglicht. Der Wunsch, eine feste Arbeitssituation aufrechtzuerhalten, die ausgeglichen wurde von der Notwendigkeit, die Zusammenarbeit zu systematisieren und zu vereinfachen, ließ diese Fluktuation andauern. Wir verstanden diese Tendenzen nicht als destruktiv. „Art Attack“ glaubt, daß das kooperative Modell gerade durch diese Anpassungsfähigkeit sich Problemen des Überlebens zuwendet, mit denen sich viele amerikanische Künstler in letzter Zeit konfrontiert sehen. Kooperation ist jedoch nicht die bequemste Form des Arbeitens. Um die Eigentümlichkeiten der Kooperation zu finden, untersuchten wir die Zwänge und Freiheiten, die aus der Gruppensituation entstehen. Die Arbeitsteilung ermöglicht offensichtlich eine Flexibilität, die für einen einzeln arbeitenden Künstler nicht erreichbar ist. Aber eine Gruppe erzeugt bestimmte Einschränkungen, die von manchen, die zuvor mit uns zusammengearbeitet haben, als schwere Last empfunden wurden. Die Möglichkeit des konstanten Eingriffs in das Medium jedes einzelnen verstärkt die heftige Verteidigung der Ideen. Diese Interaktion führte zu unseren schönsten und schmerzhaftesten Entdeckungen.

Die Arbeit von „Art Attack“ setzt sich aus der Verbindung von visuellen, oralen und performativen Elementen zusammen. Gelegentlich experimentieren wir auch außerhalb unserer individuellen Medien. Die Fähigkeit, unter einer Gruppenidentität zu arbeiten, erlaubt uns die Freiheit, auch zusätzliche Alternativen des Ausdrucks in Betracht zu ziehen. Die Elemente innerhalb der Gruppe formen und beeinflussen sich durch den kreativen Prozeß wechselseitig und eröffnen die Entwicklung von neuen Ideen.

Unser Ideal ist es, die möglichst reine Form der Zusammenarbeit zu erreichen, die verschiedene unterschiedliche Ideen in eine verschmilzt. Der kreative Prozeß findet als Auseinandersetzung statt, wo Vorschläge eingebracht, ausgeschieden oder verteidigt werden. Das daraus entstehende Destillat aus unseren Einstellungen zu einem Projekt und unseren Einsichten in dieses wird zu unserer Kreation. Das läßt unter dem Banner der Zusammenarbeit eine gemeinsame Ausstellung von Arbeiten mehrerer Künstler, die unabhängig voneinander produziert worden sind, nicht zu. Auch wenn aus diesem Grund eine implizite politische Aussage aus der Arbeitsweise abgeleitet werden könnte, ist „Art Attack“ nicht politisch ausgerichtet und lebt von der Intuition, nicht von einer vorausgesetzten Doktrin.

Unsere ersten Arbeiten wurden nur durch ein sehr vages Verständnis des gemeinsamen Hintergrundes unserer verschiedenen Perspektiven produziert. Als wir es für wichtig erachteten, die Motivationen zu einer Gruppenbildung zu untersuchen, erkannten wir, daß diese – abgesehen von dem Wunsch, umfassender zu arbeiten – begrifflich schwer zu definieren sind. Da die Mitglieder durch die Interaktion dazu gezwungen werden, die Vorteile der Zusammenarbeit auszuschöpfen, ist das Verständnis dieser Motive instinktiv. Was auch immer die Beweggründe sein mögen, so sind unsere Aktivitäten eher durch die interpersonale und logistische Dynamik beherrscht, eine enge Zusammenarbeit zu bewahren.

Unsere Arbeitsweise fördert auf vielen Ebenen ein offenes Forum für Ideen und Meinungen. „Art Attack“ arbeitet an öffentlichen Orten, um ein allgemeines Publikum in seinen Prozeß einzubinden. Die Auseiandersetzung und die Interaktion mit der Öffentlichkeit sind für uns herausfordernd und motivierend. Das Feedback während des kreativen Prozesses hilft uns, unsere Ideen denen besser mitzuteilen, die sie als fremd betrachten. Die Natur dieses Feedbacks erweitert das Prinzip der Zusammenarbeit und verstärkt die raumspezifische Ausrichtung unserer Arbeit. Oft schlagen unsere Interventionen neue Kontexte für bestehende Konzepte vor. Das stellt sich in unseren Arbeiten auf vielen Ebenen dar. Da unsere Materialien meist gefunden sind oder zweckentfremdet werden, werden sie außerhalb ihres gewöhnlichen Kontextes präsentiert. Bezüge zur Verformbarkeit und Vergänglichkeit der Kultur gestalten den Großteil des Inhalts unserer Installationen. Wir wissen, daß Mißverständnisse hervorgerufen werden können, wenn wir unsere Arbeit in einen öffentlichen Kontext plazieren. Aber das ist das Schicksal jeder neuen Idee an ihrem Beginn.

Paradox ist es, daß unsere Arbeiten oft an einen Platz und an eine Zeit gebunden sind, obwohl wir beabsichtigen, kulturelle Elemente zu dislozieren und die Gesellschaft als eine sich verändernde Größe darzustellen. Aber wenn wir das so machen, bringt das Ergebnisse hervor, die uns von einigen eingefahrenen Wegen der künstlerischen Unternehmung befreien. Weil unsere Werke situationsspezifisch sind und das Leben einbegreifen, sind sie auch selten dazu geeignet – und auch gar nicht dafür „designt“ -, verkauft zu werden. Die dadurch entstehende Abnabelung vom kommerziellen Markt dient der Emanzipation. Unser gegenwärtiger Ansatz ist überdies befreiend, da unser Rahmen sehr flexibel ist. Die Umgebung, in der wir arbeiten, verändert uns als Gruppe. Dadurch untersuchen wir Veränderungen und eignen uns Fähigkeiten an, sie hervorzurufen. Der kreative Prozeß interagiert dadurch mit den Prozessen der Ortssuche und -interpretation, der Aneignung von Materialien, der Konstruktion und Installation.