Essay · von Vilém Flusser · S. 66
Essay , 1991

Gesellschaftsspiele

Von Vilém Flusser

Die Stimmung in der Kulturlandschaft scheint sich ändern zu wollen. Es gibt Leute, die diese Änderung auf Ideologieverlust und/oder auf Entpolitisierung zurückführen wollen. So eine Ansicht läßt sich lapidar folgendermaßen formulieren: Soziale Theorien beginnen Spieltheorien zu weichen. Spiele werden nicht mehr als soziale Phänomene verstanden, sondern umgekehrt werden Gesellschaften als Spielarten angesehen. Das wäre (falls zutreffend) allerdings eine radikale Veränderung der kulturellen Stimmung. Zum Beispiel würde dies den Niedergang des Marxismus und die Vorliebe für den freien Markt als Spiel von Angebot und Nachfrage erklären. Es wäre voreilig, aus einem etwaigen Verdrängen des soziologischen durch ein ludisches Denken und Handeln auf eine fröhlicher werdende kulturelle Stimmung schließen zu wollen: Spieltheorien sind mathematisch exakter formulierbar als soziologische, sie sind „härter“. Und Spieler sind nicht notwendigerweise heitere Menschen. Und auch die Vorstellung, die Kulturlandschaft sei daran, sich in eine Kinderstube zu verwandeln, ist nicht unbedingt erfreulich. Der vorliegende Aufsatz wird versuchen, aus diesem Blickwinkel den Homo ludens (also den „Künstler“) ins Auge zu fassen.

Ein wichtiger Begriff in der Spieltheorie ist „Kompetenz“, und er ist eine mathematische Formel. Wenn man (wie der Verfasser dieses Textes) für das Spielen mit Zahlen nicht kompetent ist, dann wird man versuchen, diese Formel zu umschreiben. Dabei kann das Schachspiel als Beispiel dienen. Das Spiel besteht aus Spielsteinen und Spielregeln, und man kann die Summe der Spielsteine das „Spielrepertoire“ und die Summe der Spielregeln die „Spielstruktur“ nennen. Wenn man nun diese beiden Summen miteinander multipliziert, dann kommt man zu einer Zahl, die man „Spielkompetenz“ nennen könnte….

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