Titel: Bild und Seele , 1989

Michel Thévoz

Art brut und Spiritismus

WARUM GIBT ES – NEBEN DEN PATIENTEN IN DER PSYCHIATRIE – UNTER DEN KÜNSTLERN DER ART BRUT SO VIELE ANHÄNGER DES SPIRITISMUS?

In seiner Abhandlung „Das Unbehagen in der Kultur“ zeigt Freud auf, daß das Kulturgefüge auf dem Prinzip der Verdrängung der unbewußten Triebe beruht: „Sind nicht manche Kulturen – oder Kulturepochen -, möglicherweise die ganze Menschheit – unter dem Einfluß der Kulturstrebungen ’neurotisch‘ geworden?“ Nun ist nach Ansicht der Anthropologen von allen sukzessiven Verdrängungen, die die Entwicklung der westlichen Kultur geprägt haben, die des Es die radikalste. Während alle überlieferten Zivilisationen eine vertraute Beziehung zum Tod haben, löst er bei uns panische Angst aus. Der moderne Mensch lehnt, im Bewußtsein seiner individuellen und historischen Relativität, das heißt seiner Sterblichkeit, die Konfrontation mit dem Tod in Form eines Kontaktes mit seinen Vorfahren oder als Perspektive des eigenen Todes ab.

Diese kulturelle Todesverdrängung in der Industriegesellschaft hatte Komponente. Das Reservepotential der großen Unternehmen der sich im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelnden Bergbau-, Eisen- und Textilindustrie kam aus ländlichen Gegenden, was eine massive Landflucht zur Folge hatte. Das bedeutete, daß Millionen Menschen, die fest in eine überlieferte, im Mittelalter verwurzelte Kultur eingebettet waren, unvermittelt aus ihrem Umfeld gerissen wurden, von ihrem geistigen Bezugssystem abgeschnitten, dem einsamen Konkurrenzkampf und ihrer Ausbeutung als Arbeitskraft ausgeliefert waren. Da lag es schon nahe, daß sie versuchten, wie planlos auch immer, Verbindung mit ihrem geistigen Erbe, also ihren Vorfahren, aufzunehmen.

Tatsächlich hat sich der Spiritismus, das heißt die ritualisierte Kontaktaufnahme mit den Verstorbenen,…

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