Titel: Bild und Seele · S. 250
Titel: Bild und Seele , 1989

Heiny Widmer

Ex-voto-Schreine – Alchemistenschreine – Meditationsschreine

ÜBER EVA WIPF

Eva Wipf (1929-1978) steht mit ihren Werken in der Tradition der Dadaisten und Surrealisten. Sie realisierte in ihren Arbeiten eine der grundlegendsten Entdeckungen Marcel Duchamps: nämlich die Idee der Verfremdung und des Umfunktionierens. „Sie hat den Kunstweg gewählt, um im Bilde und durch das Bild zu überleben, durch Kunst, die vom Schmerz der Einschreibung von Ekstasen im Schreine zeugt“, schrieb Harald Szeemann. Und: „Magie, Naturheilkunde, Mystik, aber auch Flohmarkt, Reisen und anspruchsvolle Freundschaften, sie bilden Eva Wipfs Idealumraum.“

Eva Wipf hat eine eigene, unverwechselbare Sprache und Thematik entwickelt, die nicht mit dem bloß intellektualistischen, ästhetisierenden Vorgang der Verfremdung an sich identisch ist. Ihr Arbeits- und Gestaltungsprozeß läuft ungefähr so ab: Die Künstlerin sucht sich vorerst ihr Rohmaterial in allen Bereichen des Lebens. Vom Spielzeugauto, dem Blechroboter bis zum Alabastersäulchen, der alten Geige, dem Altarbildchen und dem verbogenen Löffel, von der Plastikpuppe bis zur Christusfigur rafft sie zusammen und legt ihr Atelier damit aus. Sie setzt sich dann mitten in dieses merkwürdige Universum und läßt alles auf sich einwirken – einwirken, bis sie die geheimen Beziehungen einzelner Dinge zueinander erfühlt, erahnt. Sie legt dann plötzlich die scheinbar entferntesten Dinge zueinander: ein Stück alter Kette, ein Christusfigürchen, die hölzernen Räder eines alten Flaschenzuges, das zerfranste Ende eines Schiffstaues. Sie probiert Konstellationen aus, verändert sie und wartet auf den Moment, auf den glücklichen Augenblick, da ein Ding sich dem andern vermählt und alle sich zu einer neuen, noch nie gesehenen Gestalt vereinigen, die getragen wird von plötzlich…

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