Titel: Bild und Seele , 1989

Fritz Billeter

Kunst stiftet an zu Frechheit und Freiheit

Bild und Seele, eine von der schweizerischen Stiftung Pro Mente Sana konzipierte Ausstellung im Seedamm-Kulturzentrum in Pfäffikon im Kanton Schwyz (Schweiz) im vergangenen Spätsommer, zeigte unter anderem Malereien und Skulpturen von seelisch Gestörten, die unser kulturelles Bewußtsein in den Stand der „hohen“ Kunst gehoben hat. Diese Erhöhung sollte nicht als ein vereinzeltes Phänomen isoliert werden; sie gehört vielmehr in den größeren Zusammenhang jenes Aufbruchs, der zu Anfang des Jahrhunderts unseren Begriff von Kunst explosionsartig und nachhaltig erweitert hat. Ein solches Dehnen der Grenzen, das sich auch heute fortsetzt, ist – diese These soll hier vertreten werden – als eine Entkolonisierung, als Demokratisierung von Kunst zu verstehen.

An der Aufwertung der „Irrenkunst“ waren keineswegs nur Psychiater, sondern gerade auch namhafte Vertreter der „offiziellen“ Kunst beteiligt. „Offiziell“ steht hier mit gutem Grund in Anführungszeichen, war doch diese Expansions- und Integrationskraft gerade derjenigen Kunst eigen, die bei ihrem ersten Auftreten von Presse und Publikum ihrerseits als „verrückt“ abgestempelt wurde: die Avantgarde. Ihr Innovationsdrang und fast grenzenloses Experimentieren mit neuen Formen und bisher unerprobten Materialien machte sie hellsichtig für das noch Unbekannte oder auch Verkannte am Rand des kulturellen Wertbereiches. Sie entdeckte die Gestaltungskraft von bis dahin geschichtlich und geographisch ferngelegenen Ländern, Völkern und Stämmen, aber auch „innere“ Kontinente, wie das Unbewußte oder den Wahnsinn.

Überwindung der klassischen Mitte

1922 erschien „Die Bildnerei der Geisteskranken“ des Heidelberger Arztes Hans Prinzhorn. Er hatte 5000 Arbeiten von Klinikinsassen gesammelt und publizierte sie in erster Linie als ergreifende Dokumente menschlicher Not. Doch schon…

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