Titel: Bild und Seele · S. 235
Titel: Bild und Seele , 1989

Fritz Billeter

Maler der „tausend Engel“

ÜBER WALTER ARNOLD STEFFEN

Zeit seines Lebens von Arbeitsanstalt zur psychiatrischen Anstalt gejagt, blieb Walter Arnold Steffen (1924-1982) ein Nichtintegrierter. Steffen hatte religiöse Visionen. Einmal erschienen ihm die Engel im Shopping-Center Spreitenbach. Und er malte seine religiöse Inbrunst: Immer wieder Madonnen oder Christus, umgeben von „tausend Engeln“ – „Schmerzbilder“, so nannte er sie selber.

Der Maler Walter Arnold Steffen war vielen ein Ärgernis, wenigen eine Herausforderung: 1924 in Saanen als drittes von zwölf Kindern geboren, bescheidene Schulbildung, gelegenheitshalber in vielen Berufen tätig, als Knecht, Ausläufer, Autowäscher und -polierer, Spritzlackierer; wegen alkoholischer Exzesse unter Vormundschaft gestellt, ein Herumtreiber und Randalierer, ein geistig Gestörter, immer wieder in Heilanstalten oder auch im Künstlerhaus Boswil. In den Intervallen der Freiheit nächtigte er in Absteigen, in Männerheimen, sogar in Telefonkabinen. Selten stand ihm ein eigenes Atelier zur Verfügung. Er unterschied zwischen guten und schlechten Kliniken. Die guten waren die, in denen er ungestört malen durfte. Häufig sah man ihn in Zürich, den kleinen Mann in schlotternden Kleidern und in festen Schuhen mit dem gefurchten Gesicht und den intensiven Augen. Wären letztere nicht gewesen, hätte man ihn für einen Bergbauern gehalten.

Die Psychiater mochten sich über sein Krankheitsbild die Köpfe zerbrechen; er war unbestreitbar ein bedeutender Künstler. Ein Maler mit starken Qualitätsschwankungen, gewiß; aber das muß man bei einer derart triebhaften, autodidaktisch-voraussetzungslosen Gestalt hinnehmen. Wenn die physische Kraft erlahmte, wenn der Schaffensrausch abklang, verflachte auch die Malerei. Wenn Steffen sich nach mächtigen Arbeitsschüben ausgegeben hatte, kam die Leere. Dann konnte er gefährlich werden, vor allem…

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