Titel: Bild und Seele , 1989

Paul Nizon

Die Freiheit in der Vogelfreiheit, oder: der Künstler als Paria

ÜBER LOUIS SOUTTER

Louis Soutter (1871-1942) wurde von der schweizerischen Öffentlichkeit 1961 entdeckt, knapp zwanzig Jahre nach seinem Tode. Mit ihm wurde aber nicht eine historische Nebenfigur, ein „Füllsel“, für das Album der schweizerischen Kunst entdeckt, sondern ein Mann, dessen Werk „das Kräftefeld der Schweizer Malerei verändert“, wie A. M. Vogt damals in der „Neuen Zürcher Zeitung“ schrieb: eine zeitgenössische Kraft ersten Ranges.

Wie war es möglich, daß ein Werk von so hoher (postumer) Einschätzung so völlig im Verborgenen gedeihen konnte? Wie war es möglich, daß der Künstler Soutter so vollkommen durch die Maschen der Aufmerksamkeit schlüpfen und sich so ungestört entfalten konnte? So unangefochten durch die schweizerische Enge? Es war möglich, weil er es verstanden hatte, sich so klein zu machen, daß er überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr auf sich ziehen konnte. Durch einen phänomenalen Absickerungsprozeß (durch die sozialen Schichten) bis auf ein Niveau „under ground“, das für die Gesellschaft nicht mehr in Betracht kam. Allerdings wurde dieses Absickern nicht unbedingt planmäßig betrieben – es sei denn, man nehme eine unterbewußte Planmäßigkeit an -, sagen wir also, es habe sich um ein außergewöhnliches Schicksal gehandelt.

Louis Soutter wurde 1871 in Morges als Sohn eines Apothekers geboren. Seine Mutter, eine geborene Jeanneret aus La Chaux-de-Fonds, ist eine Verwandte der Familie Corbusiers, der ja bürgerlich auch Jeanneret hieß. Soutter besuchte zuerst die Industrieschule in Lausanne, begann dann das Architekturstudium, das er abbrach, um sich der Musik zuzuwenden. Er ließ sich in Brüssel als Violinist ausbilden,…

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