Titel: Bild und Seele · S. 113
Titel: Bild und Seele , 1989

Roman Buxbaum

Kunst und Psychiatrie

„Die Morgenstund hat Gold im Mund,
aber manchmal auch den Hund,
denn jede Tat hat ihren Lohn,
ob gut, ob schlecht oder schön.“
Adolf Wölfli

Wenn von Außenseiterkunst die Rede ist, stellt sich früher oder später immer die Gretchenfrage nach dem Zusammenhang zwischen dem Werk eines Künstlers und seinem psychischen Zustand. Auch der Titel dieses Bandes – Bild und Seele – verweist auf die Existenz eines solchen Bezuges zwischen der ästhetischen und der psychischen Ebene künstlerischen Schaffens. Welches sind die Zusammenhänge zwischen Kunst und psychischer Krankheit, zwischen Kunst und Psychiatrie, und wie haben sie sich entwickelt? Welche Relevanz hat die Kunst psychisch kranker Künstler: für sie selbst, für die psychiatrische Institution, in der sie leben, und für die Gesellschaft, die nun vermehrt ihre künstlerische Arbeit zu rezipieren beginnt, den psychisch Kranken aber weiterhin gettoisiert?

Im Verlauf der Geschichte änderte sich das Verständnis der Zusammenhänge zwischen Kunst und psychischem Kranksein immer wieder. Die Künstlermythen und die Einstellung zum psychisch Kranken spiegeln das Menschenbild und die geistige Atmosphäre der jeweiligen Zeit.1 Es lassen sich diesbezüglich zwei gegensätzliche, geschichtlich gewachsene Positionen herausheben, die heute in dialektischer Spannung koexistieren: die Position der Aufklärung und die der Romantik. Nicht nur unsere Kunstbegriffe, auch unser Krankheitsbegriff ist weitgehend vom Kraftfeld dieser geistesgeschichtlichen Polarität geprägt. Die Kunst psychisch kranker Menschen stand besonders oft als „Projektionsträger“2 im Kreuzfeuer der Auseinandersetzung der beiden konkurrierenden Kunst- und Weltbegriffe. Auch heute können wir kaum über Kunst psychisch kranker Künstler sprechen, ohne in die alte Kontroverse – klassische Ästhetik versus antiklassische,…

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