Ausstellungen: Berlin · von Ronald Berg · S. 278
Ausstellungen: Berlin , 2008

Ronald Berg

Dani Karavan

»Retrospektive«

Martin-Gropius-Bau, Berlin, 14.3. – 1.6.2008

Karavans besonderer Umgang mit Zeit und Raum macht am Anfang der Retrospektive eine riesige Sanduhr deutlich. Ungefähr zehn Tage braucht sie, bis ihr Inhalt vollständig entleert ist. Neben dem Sandtrichter lenkt ein Guckkastenfenster den Blick auf das auf der anderen Straßeseite liegende Gebäude. Eine Texttafel erklärt dessen Geschichte: 1899 für den Preußisches Landtag eröffnet, 1918 Ort der Konstituierung der KPD, nach der Machtergreifung der Nazis wird hier der berüchtigte Volksgerichtshof gegründet und der Bau zum Offizierskasino umgewidmet. Nach dem Krieg residieren DDR-Regierung und nach dem Mauerbau – unmittelbar vor der Türe – die Stasi im Haus. Infolge der Wiedervereinigung mutiert der Bau zum Sitz des Berliner Parlaments.

Karavan bezieht hier zwei Zeitebenen aufeinander: die vergangene Geschichte, an die das baulichen Zeugnis vor dem Fenster erinnert, und die Gegenwart, die permanent vergeht und doch einst selbst Geschichte geworden sein wird. Karavans zahlreiche Denkmäler, Installationen und Monumenten für den öffentlichen Raum, von denen nur ein Bruchteil in dieser 20 Kapitel umfassenden Schau vorgestellt werden können, beziehen sich immer auf dieses Verhältnis von gegenwärtiger Lebenszeit und Geschichte. Die Zeit – das ist die jüdisch-religiöse Implikation des israelischen Künstlers – wird als Achse begriffen, die Anfang und Ende verbindet. Schöpfung und messianische Ankunft – zwischen diesen Polen ist das jüdische Denken und Hoffen gespannt, profane und Heilsgeschichte sind identisch. Karavans Kunst besteht vielfach im Wesentlichen einfach darin, den Bezug zwischen zwei Punkten, zwei Orten oder zwei verschiedenen Zeiten zu versinnbildlichen. Karavans bevorzugtes Gestaltungsmittel ist daher die Achse, die direkte…

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