Titel: Schönheit I , 2008

Martin Seidel

Privileg und Vorurteil

Schönheit als Verhandlungssache

Bei einer nur äußerlich begriffenen Schönheit können Dinge und Gedanken ihrem Erscheinen und/oder ihrem Wesen und/oder auch nur dem Dafürhalten nach schön sein. Alles ist möglich. Alles ist relativ. So gilt ein Busen als schön, wenn er groß und proportioniert oder wenn er nur groß oder nur proportioniert ist. Kleider gelten als schön, weil die Stoffe gefallen, aber auch weil sie die Figur betonen, oder einfach weil sie teuer und exklusiv sind. Ein Haus ist schön, wenn es auf Wohlstand weist, groß und aufgeräumt und von besonderem architektonischem Zuschnitt ist. Ein Haus ist auch schön, wenn es klein ist und Gemütlichkeit suggeriert. Ein Auto ist schön, wenn es neu, poliert ist und auf Reichtum deutet. Ein Auto ist auch schön, wenn es alt ist und nostalgische Gefühle aufkommen lässt oder wenn es einfach ein gutes Design hat. Es kommt es nur auf die Perspektive an. Schönheit ist da Verhandlungssache.

Geistige Exklusivität

Was im Alltagsleben attraktiv = schön ist, muss in der Kunst noch lange nicht schön = attraktiv sein. Immanuel Kant vertrat in der „Kritik der Urteilskraft“ (1790) die Auffassung, dass etwas nur schön sein könne, wenn es vom Menschen gemacht ist. Wilhelm Worringer (1881-1965), der theoretische Wegbereiter des Expressionismus, forderte in „Abstraktion und Einfühlung“ (1908) eine „höhere(n) Auffassung, die nur das als Kunst anerkennt, was, aus psychischen Bedürfnissen entstanden, psychische Bedürfnisse befriedigt“ und schloss dabei selbst „auf noch so scharfer Beobachtung“ beruhende Kinderzeichnungen kategorisch aus. Demnach gäbe es eine Schönheit erster und eine Schönheit zweiter Klasse….

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von Martin Seidel

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