Titel: Schönheit I , 2008

Martin Seidel

Kunst und Schönheit – eine schwierige Liaison

Wer schön ist, hat es leicht. Die mittlerweile in alle möglichen Forschungszweige hineinreichende Attraktivitätsforschung liefert zu dieser Binsenwahrheit den empirischen Beweis. Schönheit ist die beste Voraussetzung im Lebenskampf. Die Kriterien der Fortpflanzung oder überhaupt nur die Chancen darauf verbessern sich, je schöner die Erscheinung ist. Darüber, was Eindruck auf andere macht, scheint es ziemlich genaue und verbindliche Vorstellungen zu geben. Ideal sind bei Frauen zum Beispiel die Maße 90-60-90, Sanduhrfigur, ein bei einem Quotienten von 0,7 liegendes Taillen-Hüften-Verhältnis, großer Busen, lange Beine, schmale Gesichter, weiter Augenabstand, hohe Wangenknochen, schmale Nase, dunkler Teint.

Die auf die Kunst bezogene Idee der Schönheit verdankt sich ebenso biologischen Mechanismen. Doch geht es hier nicht nur um sinnlich-sexuelle Attraktivität, sondern um komplexere Formen der Schönheit. Dass Unterscheidungen zu treffen sind, zeigt der Umstand, dass ein im sozialen Zusammenhang attraktiver Mensch nicht unbedingt im klassischen künstlerischen Sinn schön sein muss und ein schöner Mensch nicht unbedingt in diesem begehrlichen Sinn attraktiv. Attraktivität im Sinne von Darwins Sexualauslese („Zuchtwahl“) und Schönheit der Kunst haben viel miteinander zu tun, aber sie sind nicht identisch. Schon auch deshalb nicht, weil das Gegenteil der Schönheit, das Hässliche, Entstellte, Deformierte, in der Kunst, besonders aber in der modernen und zeitgenössischen Kunst, eine viel größere Chance hat, Attraktivität zu erlangen, als in der Lebenswelt.

Schönheit ist weder aus dem Leben noch aus der Kunst wegzudenken. Sie verkauft sich gut und ist ein sinnvolles bis lebensnotwendiges Prinzip. Dabei ist nicht klar, wer und was für die Schönheit zuständig…

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von Martin Seidel

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