vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Titel: Bild und Seele · S. 135 - 142
Titel: Bild und Seele , 1989

Peter Gorsen
Das Gesunde im Schizophrenen

GEISTESKRANKHEIT IN DER REZEPTION VON KUNST UND KULTUR

Schon Lombroso sprach von „Irrenkunst“, allerdings in einem abwertenden Sinn. Hingegen sind „Psychopathologische“ und „Schizophrene Kunst“ Wortschöpfungen unseres Jahrhunderts, die nicht mehr prinzipiell auf einer Abgrenzung zwischen Kunst und Psychose beharren, sondern in Ausnahmefällen ihre Annäherung oder sogar Identität behaupten. Es gibt Künstler, die psychotisch erkranken, und es gibt Nicht-Künstler, die unter dem Einfluß der Psychose unerwartet künstlerisch zu arbeiten beginnen. Diesen Unterschied muß die Kunstwissenschaft im Auge behalten, wenn sie die Formgesetzlichkeit in psychopathologisch genannten Kunstwerken untersucht. Die noch niemals geschriebene Geschichte der psychopathologischen Kunst hätte zweigleisig die kunsthistorischen Befunde der Werke und die Biographien der Künstler, wie ebenso die Diagnosen, die Krankheitslehren und -definitionen, womit im Verlauf der Jahrhunderte das Phänomen des Psychopathologischen medizinhistorisch in Erscheinung getreten ist, zu beleuchten und in eine korrespondierende Ordnung zu bringen. Die Kunstgeschichte ist nicht allein schon dadurch auf die Geschichte der Krankheit verwiesen, daß in der Kunst schon immer auch psychiatrische und psychopathologische Themen aufgegriffen wurden. Sondern mit der Parallelisierung von Kunst und Krankheit sind heute vor allem auch die Grenzfälle des geistig erkrankten Künstlers und des künstlerisch arbeitenden Geisteskranken angesprochen. Ganz abgesehen davon, ob man diese Grenzfälle und ihre neuzeitliche Einbeziehung in den kunsthistorischen Kontext und damit auch ihre soziokulturelle Nobilitierung als Kulturverfall oder Kulturerneuerung, als Moderne oder Posthistorie wertet, unsere moderne Kulturentwicklung hat auf jeden Fall in der Parallelisierung von Kunst und Psychose einen wesentlichen Bezugspunkt für ihr kritisches Selbstverständnis gefunden. Hendrik de Man brachte diesen Sachverhalt…


Kostenfrei anmelden und weiterlesen:

  • 3 Artikel aus dem Archiv und regelmäßig viele weitere Artikel kostenfrei lesen
  • Den KUNSTFORUM-Newsletter erhalten: Artikelempfehlungen, wöchentlichen Kunstnachrichten, besonderen Angeboten uvm, jederzeit abbestellbar
  • Exklusive Merklisten-Funktion nutzen
  • dauerhaft kostenfrei