Gespräche mit Künstlern · von Fabian Stech · S. 190
Gespräche mit Künstlern , 2003

WIM DELVOYE

DER IKONENMACHER WIM DELVOYE

Ein Gespräch mit Fabian Stech

In „Chapel“, einer neuen Arbeit des belgischen Künstlers Wim Delvoye, sind Röntgenaufnahmen zwischen zwei Glasscheiben eingeschlossen. Die gotischen Kirchenfenstern nachempfundenen Bilder sind nach den 12 Monaten benannt und zeigen Innereien von Menschen und Tieren, verschiedene Schädel, ein Schwein in dem ein Vibrator steckt, eine Fellatio und zwei Kindersilhouetten, die einander ansehen. Der medizinische Kontext wird durch den religiösen und den sexuellen ersetzt, und es entsteht eine neue Einheit, die aber ihre jeweiligen ursprünglichen Teile bewahrt. Was durch das Fleisch verborgen wurde, liegt so in einer befremdlichen Offenheit vor uns.

Sowohl Kirchenfenster als auch Röntgenaufnahmen verfolgen ein Ziel und setzen Lesbarkeit voraus. Sie weisen mit ihrer narrativen Struktur über sich selbst hinaus. Sie verkünden die Geschichte von Heiligen, von Tod und Genesung. Die Bilder von Wim Delvoye führen uns allerdings nicht unsere Sterblichkeit vor Augen, sondern verweisen als Synthese von ecce homo und memento mori auf nichts anderes als auf sich selbst.

Seine Arbeiten tragen die Spur von Diogenes Materialismus in sich. Spricht Platon von der Idee des Tischs oder der Idee des Bechers, erwidert Diogenes von Sinope, er sähe nur den Tisch und den Becher, die Ideen sähe er nicht. Eben auf dieses materialistische Dogma der bloßen Sichtbarkeit spielt Wim Delvoye an und führt es über sich selbst hinaus. Auch im Röntgenbild sind weder Idee noch Seele sichtbar.

Mit „Cloaca“ übertrug Wim Delvoye diesen Materialismus vom Abbilden auf das Nachbilden. Da, wo er nicht in die Dinge hineinsehen kann, baut er sie nach um ihre…

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