Ausstellungen: Berlin · von Hermann Pfütze · S. 286
Ausstellungen: Berlin , 2003

HERMANN PFÜTZE

Sean Snyder

Shanghai Links. Hua Xia Trip“

Galerie NEU, Berlin-Mitte, 22.10. – 16.11.2002

Das Schöne an der modernen Globalisierung ist, dass man sich in der Fremde weder auskennen noch verirren muss, sondern inzwischen beinahe überall auf der Welt an Orten sich verabreden kann, die man schon kennt. Etwa bei Benetton in der Fußgängerzone von Warschau, bei McDonalds am Flughafen von Riad oder bei Prada in Shanghai. Diese Orte sind einfacher zu erreichen als die Seufzerbrücke, das Taj Mahal oder die Pyramiden von Gizeh, weil man weder Reiseführer noch Sprachkenntnisse braucht.

Die neue Ästhetik der Globalisierung hat nichts mehr im Sinn mit den Schönheiten der Welt, sondern sie funktioniert als Verkehrsleitsystem für Shopping-Touristen, Arbeitsmigranten und Flüchtlinge.

Diesen modernen Nomaden und globalen Herumtreibern ist Sean Snyder seit einigen Jahren auf der Spur. Er fotografiert jedoch nicht die Menschen, sondern das, was für sie da ist: Flughäfen, Telefonzellen, Mietbüros, Rolltreppen, Wohnsilos, Fast-Food-Restaurants, Parkplätze, Trampelpfade. Also anonyme Räume, Durchgangszonen, geplante und ‚wilde‘ Infrastruktur. Der erste Eindruck seiner Bilder bedient mithin das globalisierungskritische Klischee von Trostlosigkeit, Ödnis und Verschwinden kultureller Vielfalt.

Aber stimmt das? Zwar ist das neue TexMex-Restaurant in Baku, so Snyder, eine Kopie der Filiale in Cinncinati, aber die Bürger von Baku sind darüber nicht unglücklich und empfinden es als kulturelle Bereicherung. Und die zur digitalen Kommunikationszentrale umgerüstete einstige Ölförderplattform „Seeland“ vor der englischen Küste, die sich als autonomer, virtueller Staat proklamiert hat, ist doch ein realer Schritt in Richtung Netz-Demokratie.

Traditioneller Kulturpessimismus liegt Sean Snyder fern. Ihn interessiert die unplanbare Ambivalenz der Globalisierungsdynamik. Die Fotoserie „Shanghai Links“ macht…

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