Essay , 2003

GABRIELE BESSLER

„DER RAUM IST EIN ZWEIFEL“

Bevor sich die Tore zur 50. Biennale in Venedig öffnen, geht ein Blick zurück zum deutschen Pavillon bei der vorangegangenen Biennale, der nicht nur ein spezifisches Zeichen zu setzen vermochte, sondern ebenso auf eine allgemeine Tendenz innerhalb der Kunst hinzuweisen schien, deren andauernde Aktualität im Folgenden beleuchtet werden soll.

Bei allem – wenn auch verhaltenen – Widerstreit um Gregor Schneiders Beitrag, in einem waren sich alle einig: durch seine architektonisch-ganzheitliche Okkupation des deutschen Pavillons sei endlich (oder doch nicht eher vorübergehend?) die Erinnerung an die Dominanz von dessen Nazistil getilgt. Kaum also ward die deutsche Kunstkritik eines (klein)bürgerlich gestalteten Hauseingangs ansichtig, und kaum verliert sie sich im Labyrinthischen scheinbar obsessiver Wohnraumskulptierung, schon ist er verschwunden, der historische Kontext – wenn auch mit wuchtiger Kontur noch immer existent. Soweit zur Spezifik.

Um die beherrschende Hülle derart ,wegzuillusionieren‘ bedurfte es indessen schon einer kompletten Gegenarchitektur, der Implementierung eines nach eigenen Gesetzen wuchernden Gebildes. Schneiders gebaute Räume, Kammern und Gelasse, (Keller-)Gewölbe und Kabinette appellierten an den Entdeckergeist der Betrachter, die zum einen wahrnahmen, dass man sich, der Neugierde frönend gar in der Kunst verlieren kann, aber sich vielleicht auch in der menschlichen Neigung nach vertrautem Umraum (spr. Wohn-Räumen) erkannt sahen. Die Irritation folgte gleichwohl auf dem Fuße, denn die teilweise nur krabbelnd oder kriechend zu erreichenden Raumhöhlungen in Schneiders Adaptionen seines Hauses „Ur“ im nordrhein-westfälischen Rheydt, muteten allesamt alles andere als heimelig an. Zumindest muss der Künstler auf die Selbstgewissheit der dieses artifizielle Gewirr – ohne jeglichen Ausblick nach draußen…

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von Gabriele Bessler

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