Titel: Kunst und Krieg , 2003

ROLF SACHSSE

DER KÖRPER DES KRIEGS IM AKT DES FOTOGRAFEN

BILDJOURNALISMUS UND KUNST NACH DER FOTOGRAFIE

Der französische Kriegsbildjournalist Luc Delahaye äußerte unlängst in einem Interview, dass ihn an der Kriegsfotografie allein die eigene körperliche Reaktion zum Geschehen interessiere.1 Ihm mache es nichts aus, über Kadaver zu steigen und Tote abzulichten, schließlich habe er während des Studiums als Totengräber gejobbt. Sein Kollege Touhami Ennadre – letzten Jahr durch einen großen documenta-Auftritt als Künstler geadelt – mag dagegen gar keine Leichen aufnehmen, sein Menschenbild orientiere sich an Lebenden; trotz oder gerade wegen des großen Erfolgs seiner Bilder vom 11. September 2001 sieht er sich nicht als Exponent der Kriegsfotografie, bestreitet gar deren Existenz. Beide Pole – zwischen denen wohl zur Zeit die gesamte Kriegsfotografie zu verorten ist, so sie sich nicht auf die Zulieferung anonymisierender Bildagenturen beschränkt – sind nur möglich, weil die Fotografie in den letzten drei oder fünf Jahrzehnten endgültig als bildende Kunst anerkannt worden ist. Zu vermuten steht, dass das veränderte Verhältnis zwischen Krieg und Kunst mit dieser Entwicklung eng verknüpft ist.

Mitte der 1960er Jahre behauptete der damalige Bonner Politiker Erich Mende, er habe noch „ordentlich sein Kriegshandwerk erlernt“, und dies als Teil seiner eigenen Wahlkampagne für den Bundestag, also offensichtlich auf der Basis einer breiten gesellschaftlichen Konvention mit vermutet hoher Akzeptanz. Die feudal erlernten und national praktizierten Kriegskünste waren zwischen dem späten Mittelalter und den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts in Europa den handwerklichen Fertigkeiten näher als den kunstgleichen, autonom definierten Fähigkeiten begnadeter Designer und Ingenieure von Leonardo da Vinci und…

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