Monografie · von Peter Herbstreuth · S. 256
Monografie , 2003

PETER HERBSTREUTH

QIU SHI-HUA

DIE KERNKRAFT DER MALEREI

Qiu Shi-Hua ist im Westen durch seine sogenannten weißen Bilder bekannt geworden, deren hohe Evokationskraft zu Halluzinationen aller Art einluden. Sie wirkten wie Statthalter von Luftspiegelungen, deren Erscheinen und Verschwinden von der Einbildungskraft der solitären Betrachter abhängig schienen. Was sich den Augen bot, war ungewiss. Manchen konnte es so vorkommen, als habe Qiu mit langem Atem Wolken auf Fenster gehaucht und malerische Metaphern für nicht vollständig entwickelte, fahl gebliebene Fotografien gefunden. Manche meinten eine gelungene Kombination zwischen Minimalismus und Landschaften der Romantik zu erkennen, manche eine rauchzarte Fortführung des Spätimpressionismus, manche die lichtgewordene Erbschaft Mark Rothkos.

Es war die Vagheit zwischen Ankunft und Abschied, die die Liebhaber von Malerei entflammen und Qius Bilder ferner Feuer sofort mit mannigfachen Bezügen umranken ließ. Um so mehr, weil zunächst nicht auszumachen war, ob es um einen Rückgang oder um ein Voranschreiten des Verschwindens ging. Sah man einen Prozess des Ausbleichens oder eine hochkonzentrierte Andeutung? Konnte dies als Allegorie des Mediums Malerei überhaupt gelesen werden? Kurzum: Die Bilder entzündeten in Europa sogleich ein Feuerwerk von Assoziationen, die zur Adaption an bekannte Modi der Malerei und ihre Gegenwartsbezüge einluden und jene in ihrem Deutungsfuror beflügelten, die Neues, Unbekanntes, Fremdes unwillkürlich mit den Heroen der euro-amerikanischen Kunstgeschichte zu legitimieren suchen. Qius „weiße“ Bilder hielten diesen Standards stand und schienen auf stille Art an die vorzüglichsten Ausprägungen des westlichen Kanons anschlussfähig. Seine Ölbilder erregten aber das, was der Kurator Fei Dawei polemisch-kritisch und in anderem Zusammenhang „halluzinatorische Wahrnehmung“ nannte und als Zeichen „kultureller…

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