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Titel: Mutter-schafft - II — Kunst · von Ann-Katrin Günzel · S. 108 - 119
Titel: Mutter-schafft - II — Kunst ,

Die erschöpfte Mythologie des Mutterdaseins

von Ann-Katrin Günzel

Mamma! Maaaamaaaa! Mommy! Mom… erklingen suchende Rufe durch den kleinen Wald des Skulpturenparks im südschwedischen Wanås. Stimmen von Kindern und Erwachsenen, nacheinander, sich übertönend, dann wieder gefolgt von Momenten der Stille. [03] Es sind suchende Rufe nach Beistand, Schutz und Begleitung, nach Trost und Geborgenheit, nach einer Person, die viele von uns als diejenige gespeichert haben, die immer und in jeder Lebenslage da ist, wenn man sie braucht: die Mutter. Die Rufe verlangen unbedingte Präsenz. Hier. Jetzt. Allein im Sound und der Thematisierung physischer Abwesenheit ist dieses Werk der schwedischen Künstlerin Marianne Lindberg De Geer (*1946) mit dem Titel I am Thinking about myself (2003) in der Lage, den Körper zu besetzen, einen sofortigen Handlungsimpuls in Gang zu setzen. Die Künstlerin beschreibt es mit den Worten: Wir schreiben das Jahr 1963. Ich stehe in der Küche, die Hände in warmes Seifenwasser, und wasche das Frühstücksgeschirr in der Wohnung im Erdgeschoss der Klamparegatan 17. Mein erstgeborener Sohn krabbelt zu meinen Füßen herum. Er ist sechs Monate alt. Er packt mein Bein, während er zu mir aufschaut. Unsere Blicke treffen sich und mir wird schwindelig, es summt in meinen Ohren und ich falle hilflos neben ihm zu Boden. Mir bricht der kalte Schweiß aus. Mein Herz klopft, mein Kopf ist zu Boden gesenkt. Seine Hände in meinen Haaren. Mama, sagt er. Mama. Zum ersten Mal verstehe ich, was das bedeutet. Mama.1

Aber was bedeutet das: Mama? Statt einer allgemeingültigen Antwort kann es darauf nur eine unendliche Anzahl individueller, uneindeutiger Positionen und Empfindungen geben. Dennoch gibt es eine durchaus endliche Anzahl gesellschaftlicher Zuschreibungen, die von einer frappierenden Gewissheit und einer scheinbaren Eindeutigkeit sind, so als gäbe es wenig bis gar nichts darüber zu diskutieren. Das Bürgerliche Gesetzbuch z.B. legt diese (Da-) Seinsweise auf einen rein biologischen Aspekt fest und definiert, dass Mutterschaft derjenigen Person zugeschrieben wird, welche das Kind aus ihrem Körper geboren hat (BGB §1591). Schon Gustave Courbet hatte 1866 den Ursprung der Welt symbolisch als Vulva dargestellt. [02] Hier nimmt alles menschliche Leben seinen Anfang.

Mutterschaft ist aber vielseitig, sie umfasst zweifellos den weiblichen Körper, der in der Lage ist, einen Menschen zu erschaffen, sie birgt jedoch auch eine Vielzahl sozialer Aspekte, die geteilt werden können, wie Sorge und Fürsorge, Verantwortung und Hilfe; sie besteht aus großer Freude und grenzenloser Liebe, und sie beinhaltet Nähe, Gemeinsamkeiten, Auseinandersetzungen, Erwartungen, Last, Leid und Ängste. Mutterschaft kann auch Ablehnung und Verweigerung bedeuten, Überforderung, Verlust und Versagen. Das ganz große Drama. Diese immense Komplexität von lebensspendender und -erhaltender Mutterschaft, ohne die niemand von uns auf der Welt wäre, wird aber kaum jemals thematisiert. Stattdessen wird seit Jahrhunderten eine patriarchal geprägte Vorstellung von rein weiblicher Mutterschaft gezeichnet, die Fürsorge und Selbstaufgabe als selbstverständlich impliziert, Depressionen, Überforderung und Leid oder auch Selbstverwirklichung aber kategorisch als nicht vereinbar mit der Aufgabe einer Mutter ausschließt. Dadurch hat sich über die Jahrhunderte ein Bild verfestigt, eine Idealvorstellung, die in der mittelalterlichen Kunst ihren Anfang nimmt und dann im Laufe der Jahrhunderte immer wieder reproduziert wird.

Muttergottheiten und Gottesmutter:

Aus der Frühzeit kennen wir Darstellungen von fruchtbaren Göttinnen, die ebenfalls wie Courbets Gemälde die Geschlechtsorgane der Frau in den Vordergrund stellen. So wurden vor 28.000 Jahren schon kleine mit ausgeprägten Brüsten und Bäuchen versehene Frauenfiguren verehrt, wie z. B. die Venus von Willendorf, 1908 in Österreich entdeckt [04] und heute im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen oder die noch ältere Venus vom Hohle Fels [05] – beide Fruchtbarkeitssymbole, die vielleicht als Talismane bei Schwangerschaften dienten oder zu eben diesen führen sollten. Sie gelten in einem matriarchalen Verständnis aber nicht nur als fruchtbare Körper, sondern auch als Mutterfigurinen, die „Gott Mutter“ darstellen könnten und erhalten damit eine bedeutende gesellschaftliche, wenn nicht gar macht-politische Rolle zugewiesen. Diese vorantiken Fruchtbarkeitsstatuetten scheinen trotz ihrer heutigen Bezeichnung als Venus weniger dieser schönen, ewig jungen, äußerlich dem jeweiligen Zeitgeschmack entsprechenden Frau nahezustehen als vielmehr einer anderen, ganzheitlichen, ebenfalls die Fruchtbarkeit fokussierenden Mutter-Gestalt der Antike: der Muttergottheit Gaia.2 In der antiken Mythologie der Griechen galt sie als die Personifizierung von Mutter Erde, eine der ersten Gottheiten, aus dem Chaos und vermutlich als einzige Göttin ohne Befruchtung entstanden. Als Muttergöttin war Gaia diejenige, die nicht nur Kinder, sondern alles Leben gebiert und nährt, außerdem nahm sie die Menschen nach ihrem Tod wieder in ihrem Schoß auf. Als eine solche Figur erhält Gaia im 20. / 21. Jhd. eine Renaissance durch feministische Denkerinnen, Biologinnen, Autorinnen und Philosophinnen, die ihr den Stellenwert einer Gestalt geben, welche zum Umdenken anregt, indem sie die Verkörperung alles Entstehenden ist, das Bild von Werden und Wachstum, Fruchtbarkeit und Geburt: „Gaia ist Schöpferin und Zerstörerin zugleich, weder Ressource noch nährende Mutter, sie ist autopoietisch, sich selbst bildend, dynamisch.

Gaia ist nicht für die Menschen da, sondern für das Ganze.“3 Donna Haraway folgt mit dieser Darlegung dem Gaia-Konzept, das in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts von dem britischen Astrophysiker und Ingenieur James Lovelock formuliert und später von der amerikanischen Mikrobiologin Lynn Margulis ergänzt wurde, und das besagt, dass die Erde mit all der darauf lebenden und nicht-lebenden Materie einen sich selbst regulierenden Organismus darstellt und daher eine enge Vernetzung aller Lebewesen untereinander besteht.4 Gaia ist in der Lage, dem männlichen Fortschritts- und Wachstumsdenken ein weibliches Prinzip von Fürsorge und zyklischem Wachstum entgegenzusetzen. Ein sich selbst regulierender Organismus meint in diesem Sinne auch Beziehungen zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem, gegenseitige Abhängigkeiten und daraus hervorgehend gegenseitige Für-Sorge, statt einseitiger (Be-)Nutzung, die in unserer Wachstumsideologie den Menschen in den Vordergrund stellt. Die Erde ist mit der Gaia-Hypothese nicht nur Trägerin von Lebewesen, sondern selbst ein Lebewesen und ein Leben spendendes Wesen. Fast alle frühzeitlichen Religionen und Kulte hatten diese Form der Verehrung für eine starke und aktive Muttergottheit.

Die Vorstellung der alle(s) umsorgenden Mutter war und ist lediglich seit jeher im patriarchalen Blick bequem, weil es der einen Hälfte der Menschheit eine dienende Funktion überträgt, von der die andere sich dann getrost aktiv abgrenzen und passiv profitieren kann

Im Christentum wandeln sich die Mutter-Göttinnen in die eine a-sexuelle Muttergottes, wobei damit ein neues Idealbild der Mutter bzw. der Frau geschaffen wurde, das den patriarchalen Machtverhältnissen dient. So atmen die frühen Kult- und Andachtsbilder zwar den Geist des schöpferischen Genies, es waren aber die (ausschließlich männlichen) Maler, die im damaligen Verständnis vom göttlichen Geist beseelt waren.5 Wohingegen die gewaltige schöpferische Fähigkeit der Frau, die in den Bildern dargestellt wird, auf eine nicht weiter nennenswerte biologische Fertigkeit der Geburt reduziert wurde, diese Stärke zugleich zur Schwäche erklärend, indem Geburt und Care-Arbeit aus dem Fortschrittsdenken nicht nur ausgeklammert, sondern ihm geradezu entgegengesetzt und damit an den Rand der Geschehnisse gedrängt werden konnten. Schwangerschaft und Geburt wurden entsexualisiert und tabuisiert, was sich deutlich im Bild der christlichen Menschwerdung zeigt. Die Jungfrau Maria hat zwar nicht weniger als den Sohn Gottes geboren, ihn aber unbefleckt empfangen und zur Welt gebracht. Und so wurde sie in der biblischen Erzählung als Gegenteil der Eva eine „unschuldige“ thronende Königin, eine duldende und reine Sedes Sapientiae. Das perfekte Vor-Bild für eine transzendente Mutter-Kind-Verbindung. Dementsprechend blickt sie zumeist innig und demütig mit niedergeschlagenen Augen melancholisch auf den Jesusknaben, das eigene ICH zurückstellend, den einen Arm stützend um das Kind gelegt, die andere Hand bereit, um das aktive, oft schon segnende oder spielende Baby jederzeit zu schützen. In vollendeter Reinheit und Eleganz ist ihr irdisches Dasein der Passivität verpflichtet. [06] Unzählige solcher Muttergottesdarstellungen entstanden in der christlichen Kunst, Darstellungen reiner Verkörperungen von Schutz und Geborgenheit. Waren die von Byzanz beeinflussten Mariendarstellungen noch streng und statuarisch thronende Madonnen, Königinnengleich, so löste sich der Stil ab 1400 in eine weichere Linie auf und das typisch „madonnenhafte“ Bild, der sanft und rücksichtsvoll sorgenden, tugendhaften, jungen und immer schönen Frau entsteht, die in Raffaels Sixtinischer Madonna oder Guercinos Madonna mit Kind [07] ihren Ausdruck finden. Diese Form der Marienfigur mit dem Kind auf dem Arm fand als Bildtypus schon in frühchristlicher Zeit weite Verbreitung6 und konnte daher über Jahrhunderte als Kult- und Andachtsbild von Kerzenschein und Weihrauch umgeben zum verehrten Vor-Bild werden, das als idealisiertes Mutterbild auch in der Kunst mehr oder weniger bis weit ins 20. Jahrhundert bestehen bleibt. Mit dem Einsetzen des feministischen Diskurses der 1970er Jahre hält schließlich die Realität des Alltags Einzug in die Kunst: die Mühen und Auswirkungen des Verzichts, der Druck, der auf Müttern lastet, das ausbeuterische Gesellschaftssystem, das Care-Arbeit wenn überhaupt maximal schlecht bezahlt, Abhängigkeiten erzeugt und bis zum heutigen Tag ohne wirkliche Veränderung Mütter zu der nicht nur maßgeblichen, sondern häufig einzigen Bezugsperson von Kindern erklärt.

Im Christentum wandeln sich die Mutter-Göttinnen in die eine a-sexuelle Muttergottes, wobei damit ein neues Idealbild der Mutter geschaffen wurde, das den patriarchalen Machtverhältnissen dient

Die US-amerikanische Künstlerin Mary Kelly (*1941) hat damals als eine der ersten mit ihrer Arbeit Post-Partum-Document (1973–79) eindrücklich darauf hingewiesen, was es heißt, in einer Gesellschaft, in der (fast) die komplette Für / Sorge-Arbeit weltweit Frauen zugeschrieben wird, Mutter zu sein. Sie hat nach der Geburt ihres Sohnes wie eine Managerin Tabellen und Protokolle angefertigt, in denen sie eine Art Baby-Tagebuch protokollierte: die ersten Schritte, die ersten Zähne, Worte. etc. Dass in diesem Archiv benutzte Windeln integriert waren und ausgestellt wurden, führte 1976 im Londoner ICA, wo die Dokumentation erstmals zu sehen war, zu großer Empörung, während die Tatsache, die das Archiv bloßstellt, dass Mutterschaft gerade in der Aufopferung, die es erfordert, eine enorme, unbezahlte Arbeitsleistung darstellt, im andauernden Patriarchat unbeachtet und weiterhin selbstverständlich blieb.

Doch gerade die Tatsache, dass die Sorgearbeit zum Großteil bei den Müttern lastet, führte auch dazu, dass die Thematisierung von Mutterschaft bereits in den 70er Jahren selbst von der feministischen Bewegung oft abgelehnt wurde,7 und noch heute verzichten deswegen viele Künstlerinnen entweder direkt darauf, Mütter zu werden, andere bekommen zwar Kinder, verzichten aber darauf, es zu thematisieren, damit es nicht wie ein Bumerang auf sie zurückfällt und sie sich den Vorwurf der nur halbherzig arbeitenden Künstlerin anhören müssen. Denn das ist eine der Antworten darauf, was es bedeutet, Mutter zu sein.

Rabenmütter

Die in Berlin lebende südafrikanische Künstlerin Candice Breitz (*1972) hat in ihrer Sechs-Kanal-Installation Mother (2005) Filmszenen montiert, die verdeutlichen, was für ein klischeebeladenes Bild von Müttern die Hollywood-Filmindustrie entwirft. [09] Sie deckt auf, wie diese Stereotype Lebensvorstellungen von Frauen prägen und wie das zu Hysterie, Wut und Schuldgefühlen führt. Breitz inszenierte auf sechs nebeneinander laufenden Monitoren eine in Aggression und Demütigung mündende Talkrunde berühmter Schauspielerinnen (Meryl Streep, Faye Dunaway, Julia Roberts, Shirley MacLaine und Susan Sarandon). Man sieht und hört ihre Überforderung, ihre Verzweiflung und die Wut in ihren Worten, die als aus dem Kontext geschnittene Fragmente wie ein vielstimmiger Chor gegen den Druck gesellschaftlicher Zuschreibungen anschreien. „I never wanted to be a Mom“ hört man Julia Roberts unter Tränen sagen, aus einem anderen Monitor erklingt „Everything I did, I did out of love for you“. Es gibt keine Antworten oder Reaktionen von Filmpartner*innen, aber wir erkennen den Schmerz in den Augen, die Angst vor dem Versagen, den verzweifelten Versuch alles richtig zu machen, sich zu rechtfertigen und bloß nicht als Rabenmutter zu gelten.

Vielleicht hat kein Film jemals eindrücklicher gezeigt, was es heißt, eine sogenannte Raben-Mutter zu sein, als Ingmar Bergmans (1918–2007) Film Herbstsonate

Vielleicht hat kein Film jemals eindrücklicher gezeigt, was es heißt, eine sogenannte „Raben- Mutter“ zu sein, als Ingmar Bergmans (1918–2007) Film Herbstsonate (1978). [08] Ingrid Bergman in der Rolle der erfolgreichen Pianistin Charlotte und ihre sanfte Tochter Eva, gespielt von Liv Ullmann, zeigen in einer fast unerträglichen Intensität die Zerrissenheit, die das Ausbleiben von aufopferungsvoller Mutterliebe hier mit sich bringt. Bergman stellt seine Protagonistin als eine distanzierte, nur für ihre Musik Leidenschaft aufbringende Frau dar, während Eva versucht es ganz anders als ihre Mutter zu machen, und es auf sich nimmt – nachdem sie selbst ihr Kind durch einen tragischen Unfall verloren hat –, für die pflegebedürftige Schwester zu sorgen, deren Leid wie sie der Mutter vorwirft, durch das Ausbleiben ihrer Fürsorge noch größer sei als ihres. Charlotte schafft es als Mutter nicht, den Ansprüchen gerecht zu werden, sie ist sichtlich überfordert und nur auf sich fixiert. In einer Szene der totalen Verzweiflung schreien sich beide all die Not, die Schuld und das Elend, das ihr Leben daraus hervorgehend bestimmt entgegen, bis Charlotte schließlich keine andere Lösung findet, als abzureisen und sich der für sie festgelegten Mutterrolle damit erneut zu entziehen. Ein Drama, wie es größer kaum sein könnte. Bergman weist seinen weiblichen Protagonistinnen als Regisseur und Autor eine Verantwortung und Verpflichtungen zu, an denen sie in gegenseitigen Anklagen und Schuldgefühlen erbarmungslos zerbrechen.

Fast wie ein Kommentar dazu, stellt Jenny Holzer im selben Jahr lapidar in einem Schriftzug ihrer Truism-Serie fest Ein Mann kann nicht wissen, was es bedeutet, Mutter zu sein (1978). [10] Wenn Mutter-Sein bedeutet, eine soziale Rolle zu übernehmen, zu sorgen, Sicherheit und menschliche Erfahrungen zu vermitteln, so kann ein Mann durchaus erfahren, was es bedeutet, Mutter zu sein. Die Vorstellung der alle(s) umsorgenden Mutter war und ist lediglich seit jeher im patriarchalen Blick bequem, weil es der einen Hälfte der Menschheit eine dienende Funktion überträgt, von der die andere sich dann getrost aktiv abgrenzen und passiv profitieren kann. Und so hat sie weiterhin Bestand. Auch wenn die Rollenzuschreibungen inzwischen unklarer sind, traditionelle Familienkonstellationen sich in Patchwork- oder Regenbogenfamilien entwickeln, Alleinerziehende, Co-Parenting und Pflegefamilien einen ebenso großen Stellenwert haben, wie die klassische Mutter-Vater-Kind(er)-Gemeinschaft, sind es nach wie vor dreiviertel der Frauen, die die klassische Mutterrolle übernehmen, also für Pflege und Fürsorge und Erziehung der Kinder da sind.8

Das zeigt zwar einerseits, wie präsent die Vorstellung der für alle(s) sorgenden, madonnenhaften Mutter auch heute noch in vielen Köpfen ist, dennoch haben sich die Bilder für Mutterschaft in der Kunst der letzten Jahrzehnte stetig verändert, wie es die Stillleben (2023) von Carina Linge (*1976) zeigen, die jüngst im Haus am Lützowplatz in Berlin zu sehen waren.9 In ihren Fotografien entsteht anspielungsreich eine zeitgenössische Ikonografie von Mutterschaft, neue Bilder von Fruchtbarkeit und Stillzeit, die zwar auf vertraute Bilder verweisen, wenn z. B. ein blaues Milchkännchen auftaucht, das kurz Vermeers Milchmädchen ins Gedächtnis ruft, aber all die Anstrengung und den Kummer enthalten, wenn in der verschütteten Muttermilch das Misslingen und das Scheitern erkennbar werden oder der stark an Marienbildnisse erinnernde Faltenwurf im schimmernd blauen Samtrock, der sich in Gestohlene Nacht um den Schoß der Mutter schmiegt, durch die totale Erschöpfung des Körpers bestimmt wird. [01] Linges Arbeiten waren u. a. Teil der Ausstellung The Bad Mother, ein von einer Arbeit von Louise Bourgeois entlehnter Titel, welcher die ambivalenten Gefühle der Künstlerin-Mutter deutlich macht ebenso wie die wandfüllenden Papierarbeiten von Niina Lehto-nen-Braun (*1975), die die verschiedensten, auch sich widersprechenden Rollen einer Mutter in ihrer Fülle aufzeigen – Hingabe, Zusammenhalt und auch die ganze Arbeit, die dazu gehört. [11] Diesen Arbeiten gelingt es, ein neues Bewusstsein zu schaffen, denn sie haben die Kraft, in ihrer Vielfalt eine mögliche Antwort zu sein, auf die Frage, was es tatsächlich bedeuten kann, Mutter zu sein.

ANN-KATRIN GÜNZEL
ist Kunstwissenschaftlerin und Kritikerin, promovierte zu den serate der ital. Futuristen als frühe Aktionskunststrategie, sie lebt und arbeitet in Köln. Seit 2004 publiziert sie regelmäßig Beiträge zur zeitgenössischen Kunst in Katalogen, Fachzeitschriften und wiss. Publikationen, seit 2008 für das KUNSTFORUM International, dort hat sie als Gastherausgeberin, Bd. 267 (2020) „post-fututristisch. Kunst in dystopischen Zeiten“, Bd. 275 (2021) „Utopia. Weltentwürfe und Möglichkeitsräume in der Kunst“ und Bd. 284 (2022) „Arkadien in der Krise. Zur Aktualität des Landschaftsbildes” herausgegeben. Sie ist Mitglied der AICA und seit 2022 leitende Chefredakteurin des KUNSTFORUM International.
ANMERKUNGEN
1 Marianne Lindberg De Geer Wanås Konst > Art > Kunstprojekte 2018 > Marianne Lindberg De Geer (www.wanaskonst.se)
2 Der Name Gaia ist indogermanischen Ursprungs und geht zurück auf „Gebärerin“.
3 www.e-flux.com / journal / 75 / 67125 / tentacular-thinking-anthropocene-capitalocene-chthulucene / exemplarisch für die komplexe weiterführende Literatur sei hier M.L. Angerer / Naomi Gramlich (Hg.): Feministisches Spekulieren, Berlin 2020, genannt.
4 Das heutige Aufleben der Gaia-Hypothese ist durch die zerstörerischen Auswirkungen unseres Verhaltens bedingt, welches das sog. Anthropozän hervorgebracht hat, das auf ein auf wirtschaftliches Wachstums-Denken ausgerichtetes Herrschafts-/ Machtsystem ausgerichtet ist und dringend eine Alternative erfordert, ein neues Denken, das ein Weiterleben ermöglicht.
5 Ströter-Bender, J.: Die Muttergottes. Das Marienbild in der christlichen Kunst, Köln 1992, S. 30 ff.
Ebd. S. 12 ff.
7 Vgl. Marie Laurberg: Mutter! Im gleichnamigen Kat. der Kunsthalle Mannheim, 2021, S. 12 ff.
8 Nur 26,1 % der Väter haben 2022 überhaupt Elterngeld in Anspruch genommen, wobei die beantragte Elternzeit in Monaten bei den Frauen bei 14,6 und bei den Männern gerade bei 3,6 lag, d. h. das Viertel der Männer in Elternzeit hat auch nur ein Vierteljahr „Auszeit“ genommen, um sich intensiver um ihre Kinder zu kümmern. Vgl. Frauke Suhr: Elternzeit immer noch ungleich verteilt, 3.4.2023, auf www.statista.com
9 Bad Mother, 24.11.23–11.02.2024, Haus am Lützowplatz Berlin, kuratiert von Katharina Schilling.

von Ann-Katrin Günzel

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