vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Titel: Künstler in Peking · von Heinz-Norbert Jocks · S. 218 - 227
Titel: Künstler in Peking , 2008

Li Dafang
Die Schatten der Erinnerung

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Li Dafang, 1971 in Shenyang geboren und heute in Peking lebend, sucht als Maler am liebsten unwirtliche Orte auf, wo sich die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auflösen. Wenn er vor 2005 eher bedrohliche oder von Gewalt geprägte Alltagsszenen einfing, so sind es danach eher mysteriöse Landschaften und in letzter Zeit die kurz vor dem Abbruch stehende Fabrikgelände mit schweren Maschinen und Gerätschaften. Die Zeitebenen sind bei Li Dafang so verflochten wie in den Romanen, die von einer Suche nach der verlorenen Zeit handeln oder diese evozieren. Mit dem Künstler traf sich Heinz-Norbert Jocks in der Galerie Urs Meile in Peking einige Stunden vor Eröffnung seiner Soloausstellung im Oktober letzten Jahres

H.-N.J.: Malen scheint in deinem Fall sehr existentiell zu sein!

L.D.: Das stimmt. Es hat auch mit den familiären Bedingungen zu tun. Es ist so einfach wie billig: Du greifst zum Stift und beginnst zu malen. Hätte ich als kleiner Junge Filme gesehen, so wäre ich bestimmt Filmregisseur geworden. Im übrigen kümmere ich mich wenig darum, ob meine Arbeiten Kunst, ob sie zu künstlich sind oder ob sie etwa gar nichts mit Kunst zu tun haben. Für mich geht es um das mithilfe einer Methode vollzogene Experiment. Es kann sein, dass dieses endlos ist oder nach immer neuen Methoden verlangt. Dabei wird das Konzeptionelle nicht im Voraus geplant, sondern erst durch die Methode initiiert. Oft ist es so, dass ein Bild ein Modell hat. Zum Beispiel bezieht sich das Bild „Pförtnerloge“ auf die Geschichte von einem alten Pförtner, der unverheiratet in einer engen, schmutzigen Loge lebt. Dort, wo er tagtäglich Radio hört, liegt ein unvergesslicher Geruch. Die alten Möbel sind aufgrund ihres langes Gebrauchs ganz glänzend. Der Alte, der sein Heim lustvoll so eingerichtet hat, dass jedes Ding seinen angestandenen Platz hat, hat meines Erachtens in einem völlig einförmigen Alltag erst von der Alltäglichkeit zur Vertrautheit und dann von der Ausweglosigkeit zur Freude seine eigene Welt errichtet. Jedes Umfeld erzeugt ja Welten, und jedes Umfeld repräsentiert die Welt. Das Kunstschaffen ist für mich eine Suche nach einer Methode, die sich vom Gewöhnlichen allmählich zum Allmächtigen aufschwingt. Erst mittels eigener Philosophie lassen sich neue Möglichkeiten entdecken. Deshalb verarbeitete ich diese Figur zu einem Bild, wodurch die reale Erinnerung in eine abstrakte Geschichte übergegangen ist.

Du sagtest vorhin, es wäre dir egal, ob du Kunst machst oder nicht. Als was verstehst du dich?

Mehr als Handwerker denn als Künstler. Da mich die Handfertigkeit des Malens interessiert, habe ich ein starkes Erfolgsgefühl, wenn ich von einem komplizierten, detailreichen Werk stehe. Dabei arbeite ich distanziert und kühl wie ein abstrakt malender Künstler. Nur so fühle ich, wie mein Geist in meine Arbeit springt.

Ehe wir dort weitermachen, hätte ich gerne ein paar Hinweise auf deine Familiengeschichte!

Ich bin in einer ganz normalen Familie und in einem ganz normalen Umfeld aufgewachsen. Es gibt wenige Kinder in der Familie. Mein Vater war Herausgeber, der zugleich Romane schrieb, und meine Mutter Buchhalterin, die einem geregelten Arbeitsalltag nachging. Als ich klein war, gehörte mein Vater der Gruppe der von der Regierung Gedemütigten an, weshalb die ganze Familie aufs Land verbannt wurde. Die Lebensumstände waren so hart, dass ich recht finstere Erinnerungen an diese Zeit habe. Uns ging es wirklich nicht gut. Wir wurden zur Arbeit gezwungen, und dennoch fand mein Vater noch die Kraft, zu schreiben. Sein Schreiben hatte großen Einfluss sowohl auf meine Kunst als auch auf mich und mein Leben. Weil bei uns zuhause Bücher so selbstverständlich waren, las ich entsprechend viel. Aufgrund meines familiären Hintergrunds, also aufgrund der Tatsache, dass meine Familie verbannt, verletzt, gedemütigt und schikaniert wurde, war unsere Sicht auf das Leben von Pessimismus bestimmt. Das alles wirkte sich natürlich stark auf mein Leben und meine Kunst aus.

Die Verbannung der Familie aufs Land und der Vater, der schrieb, erinnern mich an das Schicksal von Ai Weiwei.

Nein, nicht ganz. Denn seine Familie gehört zu den prominentesten in ganz China, eben zu der oberen Schicht der Intellektuellen, während meine Eltern Intellektuelle aus dem Volk sind. In meiner Erinnerung erscheint die Zeit der Zwangsarbeit als relativ kurze Episode, aber das liegt wohl daran, dass ich noch ein Kind war. Meine Familie war sehr auf sich allein gestellt. Wir hatten keine Freunde.

Welchen Einfluss hatte die Literatur auf deine Malerei?

Sicherlich einen sehr subtilen. Die Einflüsse sind wie Schatten, die sich nicht vergessen lassen. Etwas, was meine Malerei mit Literatur gemeinsam hat, ist, dass sie eine Handlung braucht. Aber das ist weder gewollt noch beabsichtigt. Vielleicht gehe ich darauf ein bisschen ausführlicher ein. Wie gesagt las ich viele Romane, für deren Gestaltung man mindestens zwei durch Handlung verbundene Protagonisten benötigt, die in einer bestimmten Zeit und in bestimmten Räumen agieren. Das können einsame, dunkle, traurige, unwirtliche oder eben solche sein, die mit einer speziellen Spannung aufgeladen sind. Romane, die solche Räume imaginieren, mochte ich so sehr, dass sie wohl auch meine späteren Arbeiten prägten.

Welche Romane hast du gelesen?

Nun bin ich kein systematischer Leser, aber bei uns zu Hause waren die Russen sehr präsent, bei denen Wüste, Landschaften, die körperliche Arbeit und die harten Lebensdingungen beschrieben sind. Ich las einfach alles, was mir in die Hände fiel. Insofern sich in mir alles vermischt, was ich einmal las, kann ich nichts Bestimmtes darüber sagen. So behielt ich weder Namen noch Titel, dafür aber Eindrücke, Wahrnehmungen und Erinnerungen an die Zeit. Was ich mir noch merkte, ist, dass ich auch Nietzsche las. Wenn ich mich in Bücher, darunter auch solche mit Illustrationen, vertiefte, so saß ich oft in einem dunklen Raum.

Deine Bilder neigen sich dem Literarischen zu.

Es mag sein, dass sie literarisch wirken. Darüber dachte ich aber nie nach. Ich folgte eher meinen inneren Impulsen.

Wie gehst du vor? Womit setzt der Malprozess ein?

Mit einer ungefähren Bildvorstellung von menschlichen Figuren und dem, was sie wo machen. Sobald ich so weit bin, fang ich zu malen an. Dabei gibt es zwei Themenfelder. Zum einen sind da Ereignisse in unkultivierten wilden Landschaften und zum anderen Bilder von körperlicher Arbeit. Denn was ich stark erinnere, ist, dass wir, als ich klein war, tagelang arbeiten mussten. Entweder war ich da mit meinem Vater zusammen, der hart auf dem Land schuften musste, oder mit meiner Mutter, die in einer Fabrik arbeitete.

Malen und Erinnerung sind bei dir eng verwoben.

Ja, im Grunde beziehen sich alle Motive auf Erinnerungen; es sind Schatten vergangener Ereignisse oder Gefühle gegenüber vergangenen Zeiten. Eigentlich handelt es sich um ganz gewöhnliche und belanglose Geschichten, die ich neu erzähle. Gerade dadurch, dass sie der Vergangenheit angehören, erhalten sie einen Wert. Im Leben eines Individuums sind diese Geschichten nicht länger Belanglosigkeiten, sondern werden zu einer Form des Austauschs zwischen dem Einzelnen und der Welt. In diesem philosophischen Sinne erhalten sie die Bedeutung einer metaphysischen oder Kunst gewordenen Lebensweise. Aus Belanglosigkeiten werden in der Malerei Geschichten ohne bestimmte Zielrichtung. So begegne ich der Außenwelt. Die Geschichte an sich ist eigentlich unwichtig, dafür aber die Lust an der Kommunikation mit der Welt ausschlaggebend, die sich im Akt des Erzählens und Erdichtens von Geschichten vollzieht.

Was meinst du mit Welt?

Etwas, das halb menschlich und halb göttlich ist. Eine abstrakte Welt des Geistes. Ein Gegenpart zum Ich.

Woran orientierst du dich beim Malen noch außer an Erinnerungen? Auch an anderen Malern?

Ich handle aus Gewohnheit, und so male ich einfach so drauflos, wie es mir beigebracht wurde. Ich erinnere mich daran, dass es etwas Besonderes gab, das ich besonders mochte. Vermutlich hatten die Illustrationen in den Büchern mehr Einfluss auf mich. Weil sie sehr konkret sind, ist der Zugang zu ihnen leichter.

Nun sind deine Bilder zwar imaginärer Natur, aber wohl vermischt mit realen.

So ist es. Nehmen wir das größte Werk „Jia Wen and Jia Lin“ hier in der Ausstellung bei Urs Meile: Als ich dieses malte, fühlte ich mich sehr unwohl. Neben einem gewaltigen gesellschaftlichen Druck, den ich spürte, erschienen mir viele Probleme in meinem Leben unlösbar, und aufgrund meiner Selbstzweifel hinterfragte ich meine Ziele. Insofern war ich pessimistisch gestimmt. Eine Zeitlang verfolgte ich eine andere Bildidee. Als erstes malte ich den großen Haken, der mit meinem inneren Zustand korrespondiert. Dazu die von mir einfach ins Bild hineinplatzierten, leblosen Figuren. Generell ist es natürlich nicht nur schwierig, sondern geradezu unmöglich, das, was im Kopf eines Menschen vor sich geht, direkt zu malen. Dennoch ist es mein Anliegen, die abstrakten Gedanken in etwas Realistisches umzusetzen, und so wählte ich eine konkrete Szene als Gedankenträger aus. Doch sobald man das tut, wirkt alles sehr komisch und nicht gerade harmonisch. Was mir dabei vorschwebte, war eine große Bühnenkulisse. Nun lag mir anfangs sehr daran, meinen Gedanken- und Gefühlszustand malend darzustellen, doch später empfand ich diese Bemühung so lächerlich wie sinnlos. Jedenfalls malte ich einen Hund, der einen Menschen anbellt und dadurch erschreckt, um so die Veränderung einer Emotion anzudeuten. Dass ich dem Ganzen am Ende wie Rost, der sich über allem gelegt hat, erscheinende Punkte hinzufügte, ist wiederum so etwas wie eine Anspielung auf die Spuren meiner Erinnerung an Menschen. Darunter Kommilitonen, Kollegen meiner Eltern und auch Zwillinge in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Die Menschen, die bei mir in den Bildern auftauchen, sind wie Schatten, die ich zur Darstellung meines eigenen Bildes benutze. Doch all diese Dinge haben weder eine besondere Bedeutung noch eine spezielle Funktion. Es ist eher so etwas wie der Prolog bei einem Roman.

Das hätte ich gerne etwas präziser, wenn es geht!

Aufgrund der vielen unsicheren Faktoren in dieser Zeit und in unserer Gesellschaft weiß man weder, was passieren wird, noch, ob man sein Ziel oder Ideal erreichen wird. Weil es so chaotisch ist, lassen sich keine Vorhersagen machen. Was man aber fühlt, sind der Stress auslösende Druck und die Besorgnis, die dadurch aufkommt, dass man nicht weiß, was einen erwartet.

Wenn du von Idealen sprichst, was meinst du damit?

Die Ideale, auf die ich anspiele, haben weniger mit Kunst als mit dem Lebensgefühl und mit Freiheit zu tun. Nicht nur ich, sondern alle Menschen streben danach. Aber in China ist dieses allgemein menschliche Bedürfnis offenbar noch nicht so durchsetzbar, wie man es sich wünschte.

Gab es im Laufe der Jahre Wendepunkte in deiner Malerei?

Ja, es gab einen im Jahre 2003. Meine Arbeiten vor 2004 hatte mehr mit meinen persönlichern Zuständen zu tun. Damals versuchte ich auszudrücken, was mir Sorgen oder Kopfschmerzen bereitete. Meine Malerei war so etwas wie ein Selbstdialog. In den Ausstellungen von 2003 versuchte ich Lebensfragmente oder innere Bilder zu entwickeln, woraus sich die Beschriftung der Bildflächen ergab. Ich wollte damit den Akt des Erzählens symbolhaft akzentuieren. Indem ich das Erzählen und Erfinden betonte und zu einer Existenzweise weitete, erhielten die Werke eine eher konzeptionelle Bedeutung. 2005 begann ich mit einer zweiten Serie, in der ich, den erzählenden Stil zwar weiterführend, die Beschriftung aber wegließ. Diese Bilder vermittelten ein Gefühl von konkreter Wirklichkeit vor Ort. Ich suchte damals jene Irritation, die aus der Wechselwirkung zwischen lebensechtem Abbild der Realität und abstrakter Handlung des Geistes entsteht. So konnte ich diese in die Außenwelt einführen. Ich suchte nach einer Methode experimenteller Prägung, um mit dem konkreten Leben enger in Berührung zu kommen. In den Arbeiten von 2006, zwischen Ende 2005 und Anfang 2006 entstanden, vervollständigte ich mein Konzept, indem ich Dinge aus der Vergangenheit darstellte. Ein Teil davon bezieht sich auf Geschichten von Menschen in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen, ein anderer Teil beschreibt mein vertrautes Umfeld. Diese Veränderungen in der Malerei haben stets mit der Realität und dem Leben zu tun. Da der Mensch ein Teil der Gesellschaft ist, geht seine Veränderung stets mit der gesellschaftlichen einher. Das Leben eines Menschen lässt sich eben weder von der Geschichte noch von der Gesellschaft abkoppeln. Wenn man es dennoch tut, so läuft das auf eine persönliche Emotion hinaus. Jedenfalls fing ich 2004 an, alle meine Probleme auf philosophische Art und Weise darzustellen. Dadurch wurden sie sichtbar. Die Inhalte bleiben gleich, nur die äußere Form ist eine andere. Doch mein innerer Dialog lässt sich nicht ohne weiteres abstellen. Übrigens waren die Arbeiten vor 2004 von ihrer Malweise her insofern persönlicher, als ich so malte, wie ich damals dachte. Danach wurde die Form konkreter.

Wodurch wurde der Wendepunkt ausgelöst?

Ich weiß es nicht genau. Aber sicherlich hatte er mit der Gesellschaft zu tun. Mehr und mehr nahm ich die chaotischen Elemente, das Unvorhersehbare wahr, das unser Leben beeinflusst. Das ist nicht mehr so wie damals, da ich in meinem Zimmer saß, meine Pflanzen kultivierte und hin und wieder über irgendetwas nachdachte.

Wann erfuhrst du den Einbruch des Unvorhersehbaren zum ersten Mal?

Das war im Jahre 2003 anlässlich einer Einzelausstellung. Vorher arbeitete ich tagtäglich in meinem Atelier. Alle meine Imaginationen, welche die Quelle meiner Arbeit sind, waren ständig im Umlauf. Aber nach meiner Ausstellung hatte ich plötzlich das Gefühl, mit der Gesellschaft konfrontiert zu sein. Ich merkte, dass meine Arbeiten, da von ihr abgekoppelt, kraftlos und so fragil wie die Blumen aus dem Treibhaus waren. Gleichzeitig erkannte ich die Mannigfaltigkeit der Welt. Ich realisierte, dass meine Arbeiten, wenn sie sich damit nicht auseinandersetzt, falsch sind. Diese Überlegungen lösten weitere aus.

Lass uns über den Bildprotagonisten mit nacktem Oberkörper reden!

Genau darüber wollte ich gerade sprechen. Es gab ein zufälliges Ereignis. Im Jahr 2003 sah ich auf der Straße einen Mann, der gerade dabei war, ein Loch in die Erde zu graben. Nun sind solche Szenen in China nichts Ungewöhnliches. Aber zuvor hatte ich nie darüber nachgedacht. Wenn der Mann das Loch auch aus rein praktischen Gründen aushob, so sah ich darin mehr als nur das, eben etwas anderes. Angesichts dieser Szene hatte ich die Einsicht, dass der mit der Zukunft und Zeit ringende Mensch einsam ist.

Warum stelltest du in einem anderen Bild neben ganz normalen Menschen auch Karl Marx und Friedrich Engels dar?

Um 2004 hatte ich das Gefühl, mehr darüber nachsinnen zu müssen, wie die Menschen sind. Um mich mit ihnen vertraut zu machen, malte und studierte ich sie. Am prägnantesten erschien mir deren Gesicht. Alles in allem wollte ich meine Distanz zu den Menschen überwinden, und so stellte ich mir die Frage, ohne urteilen oder verurteilen zu wollen, was die großen Persönlichkeiten oder die normalen Menschen innerhalb der Gesellschaft und für diese tun und ob wir solche Persönlichkeiten oder abstrakten Ideale überhaupt noch benötigen. Insofern es mir darum ging, die sogenannten großen Persönlichkeiten in meinen Bildern zu normalen Menschen werden zu lassen, war das Malen eigentlich ein Akt der Metamorphose. Dabei hatten die Handlungen, in die ich sie versetzte, etwas mit der seit 2003 so ungeheuer rasanten Entwicklung der chinesischen Gesellschaft zu tun. Meines Erachtens wurde vieles von früher zu schnell über Bord geworfen.

Wie kam es zu dem Bild „Second Uncle“?

Dieses nach dem Gefühl gemalte Bild kündet von etwas Unvorhersehbaren. Sein Ausgangspunkt war eine reale Begebenheit. Da war der Bauer, der ein tiefes Loch grub, dorthinein fiel und starb. Statt es bei diesem Ereignis zu belassen, vertiefte ich es dadurch, dass der Arbeiter in meinen Augen ein Künstler ist. Dabei ist die dargestellte Umgebung ein von mir arrangierte Raum, in dem der Künstler eine im Grunde sinnlose Arbeit tut. Aber ihm gelingt es, seine Umgebung so zu arrangieren, dass er das Sinnlose für sinnvoll hält.

Nun gibt es Arbeiten, wo diverse Bilder miteinander kombiniert werden. Worum ging es dir dabei?

Der Himmel ist das Wichtigste in dem Bild, das einen Prozess repräsentiert. Der rechte Teil, den ich zunächst malte, zeigt eine Straße mit einem Auto, das ich selbst fahre. Schließlich kam mir die Idee, dass der Himmel in den Menschen oder in andere Gegenstände hineinwachsen soll, um bessere Laune zu verbreiten. Alles in allem ist es ein sehr persönliches Werk. Als wir klein waren, hatten wir einen Nachbarn, den ich dafür hasste, dass er uns Böses anzutun versuchte. Mein Bild, das sich auf diese Begebenheit beziehend, zwei Figuren zeigt, die im Grunde ein- und dieselbe ist, aber in zwei verschiedenen Situationen, zeugt von Widerstand und einer Art Selbstverneinung Auf dem Arm der beiden stempelte ich meine Symbole, die meine Gedanken und Ideen repräsentieren. Der Titel „Adventure“ ist keine gute Übersetzung. Das Bild, das ja ein älteres ist, war bereits schon einmal abgedruckt, und so haben wir den Titel von damals übernommen. Der chinesische Titel bedeutet „böse“ und „gefährlich“. Bei der Figur handelt es sich zwar ursprünglich um einen Tischler. Es geht mir aber auch da um etwas Abstraktes. Wie alle Arbeiten von vor 2003 ist auch diese Ausdruck meiner Gefühlswelt. Damals sah ich mich in einer bösen und gefährlichen Umgebung gestellt.

Warum benutzt du Schrift in dem Bild?

Das ist wie mit den Untertiteln bei Fernsehen oder im Kino. Es stellt eine Möglichkeit dar, das Ganze ein bisschen einfacher zu machen. Ich möchte nicht, dass meine persönlichen Gedanken zu persönlich erscheinen, weil es dann auch falsch wird. Ich möchte es versteckter haben. Auch in anderen Bildern geht es mir darum, etwas Persönliches und Abstraktes zu konkretisieren, und deshalb habe ich einige Symbole, Stempel und Schriftzeichen angefertigt, um Gedanken auszudrücken. Auch das Bild handelt von einer Fiktion Da ist eine Figur, die etwas Metallenes in der Hand hält und gerade dabei ist, jemanden zu stempeln. Andere wurden bereits gestempelt, und einer ist gerade dabei, sich auszuziehen, um sich stempeln zu lassen. Dabei zwingt einer die anderen zum Mitmachen. Dahinter ist etwas sehr Privates, worüber ich aber ungern rede. Generell hat es damit zu tun, dass jemand seine Gedanken und seinen Willen einem anderen aufzuzwingen will. Es geht auch um die Frage, ob der Geist und der Wille eines Menschen andere verändern können, und darum, wie stark diese einzelne Person ist. Das ist eine Frage, die so aktuell ist und vermutlich immer präsent bleiben wird.

von Heinz-Norbert Jocks

Weitere Artikel dieses/r Autors*in