Ausstellungen: Kiel · von Jens Rönnau · S. 265
Ausstellungen: Kiel , 2008

Jens Rönnau

See History 2008

»Kreative Vision«

»13 internationale Künstler präsentieren die Sammlung der Kunsthalle zu Kiel«

Kunsthalle zu Kiel, 20.7.2008 – Juli 2009

Im Sommer eröffnete die Kunsthalle zu Kiel mit SEE history 2008 eine Neuauflage ihrer abwechslungsreichen Blicke auf die Sammlung des Hauses – diesmal unter Beteiligung von dreizehn Künstlern aus aller Welt. Es hat schon ein wenig documenta-Charakter, was Kunsthallenchef Dirk Luckow in diesem Jahr mit seiner Schau gelungen ist: Künstler aus Europa, Asien, Afrika sowie Süd- und Nordamerika haben sich mit der Sammlung des Kieler Museums befasst. Sie haben sich dabei intensiv mit der seit über 150 Jahren anwachsenden gemeinsamen Sammlung des Schleswig-Holsteinischen Kunstvereins und der Kieler Universität auseinandergesetzt. Damit schlüpften die Künstler in die Rolle von Kuratoren – um sich zugleich neue Felder oder zumindest neue Aspekte für ihre eigene Kunst zu erschließen, denn meist beziehen sie eigene Arbeiten in ihr Konzept mit ein. „Eine kreative Vision der Kunsthalle zu Kiel“ ergäbe dies, so Luckow, der in den Vorjahren ja auch schon renommierte Sammler als Kuratoren in Kiel agieren ließ oder die Handwerker und Putzfrauen seines Hauses. So gibt sich das Museum in diesem Jahr abermals experimentell und offen gegenüber fremden Interventionen. Jeder Künstler, jede Künstlerin organisierte mit dem Sammlungsbestand einen Raum nach individuellen Vorstellungen und entwickelte daraus ein eigenes Werk.

„Kunst muss sich zunehmend im globalen Kontext bewähren“, so Dirk Luckow. Das sei auch eine Frage an die Sammelpraxis aller Häuser: „wie soll man sich öffnen und zugleich Bodenhaftung bewahren?“, so der Kieler Museumsmann. Gleichzeitig steht der umfangreichen Sammlung – wie üblich – zu wenig Ausstellungsfläche zur Verfügung, sodass jeweils nur rund 15 Prozent gezeigt werden können. Warum also unter dem Druck der engen Präsentationsmöglichkeiten nicht die Chance des Wechsels nutzen? Warum nicht andere nach kreativen Ideen für die Kieler Werke befragen? 2008 bis Sommer 2009 setzt Luckow also auf „das Einfühlungsvermögen der Künstler“, die bis auf eine Ausnahme tatsächlich jeweils ein bis zwei Tage vor Ort waren.

Zu ihnen gehört der in den USA lebende Louis Camnitzer, der 1937 in Lübeck geboren wurde und als NS-Verfolgter 1939 mit seinen Eltern nach Uruguay emigrierte. Er gestaltete den ersten Raum der Sammlung, wo sich Portraits und Figurenbilder sowie Portraitskulpturen finden wie etwa eine Moltke-Büste von Bertel Thorvalsden. Auch biblische und literarische Figuren sind darunter, die man nicht als Person kennt, die aber durch die Kraft ihres Blickes beeindrucken. Jetzt kann man sich zwischen ihnen nur noch gebückt fortbewegen, denn die Gesichter von der Renaissance bis zur Gegenwart sind hier kreuz und quer mit roten Fäden verspannt. Diese gehen jeweils von den Augen der Dargestellten aus, nehmen den Verlauf der vorgegebenen Blickrichtung auf. „Verlorene Blicke“ nennt der Camnitzer diese Arbeit, die mit der Frage spielt, was oder wohin gemalte Augen im Raum ihrer Hängung sehen würden. Zugleich lässt die Visualisierung der Blickrichtungen die Dargestellten überraschend präsent erscheinen – im Wirrwar der verstrickten Blicke.

Wiedergefundene Kunst könnte man das Thema im folgenden Saal nennen, wo der aus Benin stammende Afrikaner und einstige documenta-Vertreter Georges Adéago einen globalen Kontext herstellt. Er ließ Exponate der Kieler Sammlung von Volkskünstlern und Reklamemalern seiner Heimat nacharbeiten. So ließ er etwa Ernst Ludwig Kirchners Gemälde Weiblicher Akt im Tub aus dem Jahr 1911 von einem traditionell arbeitenden Schildermaler aus Benin kopieren. Eine afrikanische Figur, die Kirchner in diesem Bild einst malte, ließ Adéagbo nachschnitzen und gesellt sie der Kopie hinzu – ein spannender Umweg der Figur, die ursprünglich ja in Afrika entstanden war, um dann nach ihrem Europa-Import zunächst von Kirchner gemalt zu werden. Eine weitere geschnitzte Kopie hat eine meditierend-kauernde Bleifigur des Briten Antony Gormleys zum Vorbild, der seinerseits auf traditionelle Haltungen und Mythen zurückgreift. Mit insgesamt 19 Bildkopien, afrikanischen Masken sowie kunterbunt gestreuten Fotografien und Zeitungsausschnitten über die europäische Sicht auf den afrikanischen Kontinent schafft Adégbo spannende Wechselwirkungen im Kontext der Museumssammlung – wobei er sich selbst mehr als Dirigent denn als Künstler begreift.

Auch ein ungewöhnlich tief gehängtes Bismarck-Portrait Franz von Lenbachs findet sich hier. Ironisch bis sarkastisch spielt das mit Themen wie Kolonialismus und Kulturtransfer – und erinnert damit zugleich an Bismarcks berüchtigte Kongo-Konferenz von 1884, wo Afrika wie ein Kuchen unter den europäischen Machtstaaten aufgeteilt wurde. Als üppiges Souvenir seines Kontinents hat Adéagbo zwei Zongbetos im Saal platziert – heuhaufen-ähnliche Gebilde, die als Scheuche und Phantom heute in Karnevalstänzen verwendet werden. Historisch gehen die Zongetos auf die Flucht eines afrikanischen Königes zurück, der als Heuhaufen getarnt seinen Feinden entkommen konnte.

Auf die Werke des deutschen Künstlers Joseph Beuys hat es der chinesische Maler Shi Xinning abgesehen. Dessen vielfältig in Kiel vertretene Multiples hat Xinning nicht nur reichlich im Museum drappiert – einschließlich dem filzgewickelten „Samurai-Schwert“ und der „Rose für Demokratie“. Er hat jene weltweit verteilten Exponate auch in einem Groß-Gemälde erfasst und dort in einer fiktiven Ausstellung präsentiert, durch die gerade eine Besuchskommission schreitet, angeführt von Mao Tse-tung (1893 – 1976) persönlich. Der, bekannt für seine Verachtung der intellektuellen Gegenwartskunst, steht nun mit verschränkten Händen verzückt vor den Werken Beuys‘, gefolgt von verschiedenen Personen, unter den auch Kunsthallenchef Dirk Luckow auszumachen ist. Xinning hat das Werk eigens für die Kieler Ausstellung gemalt – alles in Grautönen, als handle es sich um ein reproduziertes Zeitungsfoto. Es ist ein Spiel mit Realität und Fiktion, gedacht als eine seiner Regieanweisungen an die chinesische Geschichte, die sich listig im doppelten Erscheinen der Werke fortsetzt. Aber Xinning zeigt noch ein weiteres Gemälde, eine Gebirgslandschaft, die ein deutscher Romantiker ähnlich hätte malen können – nur dass hier an die Stelle eines Himmelskörpers eine Atomexplosion getreten ist („Landscape with H-Bomb“, 2006).

Werke aus seinem Geburtsjahr 1968 hat der Mexikaner Abraham Cruzvillegas in Kiel zusammengetragen, darunter Josef Albers‘ „Hommage an ein Quadrat“ oder Wolf Vostells Vietnamkriegs-Anklage. Auch Werke von Gerhard Hoehme und Beuys sind dabei, zusammengetragen in einem leuchtend rot gestrichenen Raum. Das ist nicht von ungefähr die Farbe der Revolution, denn als Cruzvillegas geboren wurde, tobten in Mexico-City blutige Demonstrationen – kurz vor der Eröffnung der olympischen Spiele dort. Insofern zog der Künstler auch ein sperriges Metall-Objekt von Hans-Jürgen Breuste aus dem Kieler Museumsfundus: Das im Jahr der Olympiade in Deutschland 1972 entstandene „Requiem à Mexiko“, welches sich auf jene Unruhen von 1968 bezieht.

Die Schwedin Annika Larsson wählte Max Klingers Grafik-Zyklen um sie mit großen Video-Projektionen junger Männer zu kombinieren. Der aus Israel stammende Aktionskünstler Guy Ben-Ner hat unter dem Motto „Poiting to a better world“ Gemälde zusammengetragen, die Personen mit Zeigegestus darstellen – ironischerweise auch Anton von Werners kriegerisches Historienbild „Molkte vor Paris 1871“. Der in Rom lebende Amerikaner Jimmie Durham hinterfragt Mechanismen der Wahrnehmung angesichts von Zeichnungen Beuys und Gemälden eines unbekannten Malers des 19. Jahrhunderts. Der Serbe Bojan Sarcevic zeigt zu seinen minimalistischen Objekten mit Landschafts- und Architekturbezug überraschend verwandte Zeichnungen Gottfried Brockmanns. Die aus Kanada stammende Janice Kerbel versammelt Werke, die konzeptionell auf eine Wandlung verweisen, etwa Andreas Slominski’s „Schneeballmühle“, Emil Noldes‘ „Tänzerin mit Schatten“ von 1911 oder Roman Opalkas‘ lebenslang geführtes Zahlenprojekt. Die Französin Mathilde ter Heijne kombiniert das Gemälde „Cimon und Pero“ von Abraham Bloemaert (um 1610) mit einem Bronzeguss ihres eigenen Aktes, während die Russin Anna Jermolaewa Frauen im Allag per Video auf den Hintern geschaut hat, um diese mit der Aphrodite von Knidos aus der Kieler Antikensammlung zusammenzubringen – wie auch mit dem Platschek-Gemälde eines weiblichen entblößten Hinterteils. Frauen auch in den Fotoarbeiten des Ukrainers Boris Mikhailow, der ins Schwärmen gerät, wenn er von seinen weiblichen Modellen berichtet. Seine Werke hängen zusammen mit russischer Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, zeigen die Modelle teils am selben Fluss. Die Kieler Gemäldesammlung dazu ist einzigartig in Deutschland.

Zur Ausstellung wird ein Katalog erscheinen.