Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 30
Fragen zur Zeit , 2008

Michael Hübl

Bulle, Bär, Frosch und Kalb

Im Zeichen von 9/15: Wie Restriktionen und millionenschwere Superpreise in der Kunst zusammengehören

Alles wieder gut. Der Frosch ist zurückgekehrt. Die ökologischen Bedingungen im Kunst-Biotop sind offenbar doch robuster als vermutet. Auch wenn der Frosch längst tot war. Mausetot sogar. Denn er besteht nicht nur aus rein synthetischem Material (kurz: Plastik), sondern war zudem ans Kreuz genagelt. Doppelt tot hält besser. Und so wurde aus einem breitmäulig gestalteten fettgrünen Stück Kunststoff eine Art Kruzifixus. Der Frosch beschäftigte die Gemüter in diesem Jahr besonders heftig, so als ahnte man, dass es auch in der Kunst – ähnlich wie an der Börse – reichlich tierisch zugehen würde. Mit dem Unterschied, dass die Turbulenzen an den Finanzmärkten zu heftig ausfielen, als dass man wohl noch Lust an animalischer Symbolik gehabt hätte. Von wegen Bären und Bullen. Anders in der Kunst. Da lieferte die Fauna, um im Wirtschaftsjargon zu bleiben, kräftige Konjunkturimpulse. Auftritt: das Goldene Kalb. Doch zuerst kam der Frosch.

Das amphibisch symbolträchtige Objekt hat, wahrscheinlich aus einer spontanen Laune heraus, Martin Kippenberger hergestellt. Als dann anlässlich seines 50. Geburtstags das Lebenswerk des 1997 verstorbenen Künstlers im großen Stil – etwa als Beitrag Deutschlands zur 50. Biennale di Venezia 1 – der Öffentlichkeit präsentiert wurde, stieg schlagartig das postume Interesse an Kippenbergers Arbeiten. Der gekreuzigte Frosch, dem Kippenberger den demutsvollen Titel “Zuerst die Füße” gegeben hatte, fand besondere Aufmerksamkeit. Weniger im Kunstbetrieb als an Orten, wo durch die Zurschaustellung der symbolisch aufgerüsteten Assemblage alpenländischer Katholizismus und postmodern freigeistige Nonchalance…

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