Titel: Künstler in Peking · S. 92
Titel: Künstler in Peking , 2008

Carol Yinghua Lu

Wo sind die Intellektuellen?

“Only when an intellectual developed a resistant intellectual consciousness, could he become an artist.”1
Edward W. Said

Der Ausstellungstitel “Free Zone: China” ist ein gewagtes Statement. Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre eine solche Äußerung absolut undenkbar gewesen. Ideologische Kontrollen herrschten in ihrer hässlichsten und verheerendsten Form. Eines der höchsten Ziele der Kulturrevolution war, die Meinungsverschiedenheit und Gedankenfreiheit zu eliminieren, um so die Herrschaft der Kommunistischen Partei und die absolute Macht von Mao Zedong zu festigen.

1972, zur Blütezeit der Kulturrevolution, bereiste der Italiener Michelangelo Antonioni acht Wochen lang das Land und drehte einen vierstündigen Dokumentarfilm. Sowohl seine Reisepläne als auch die Filmarbeiten wurden von der chinesischen Regierung nicht nur strikt eingeschränkt, sondern auch ununterbrochen überwacht. Im Übrigen wurde der Film bei seinem Erscheinen von der Staatsmacht aufs Strengste verurteilt. Antonionis Dokumentation hat das Bild eines totalitären Chinas eingefangen, das nicht nur gleichförmig gekleidet, sondern – weitaus bedrückender – von einem Kollektivismus beherrscht und durchsetzt war, der das tägliche Leben ebenso wie die Denkweisen standardisierte.

Trotz der Warnungen in vielen philosophischen Schriften vor der Anfälligkeit der Massen für Extremismus und Manipulation wurde die breite Öffentlichkeit in China damals dennoch von den Strömungen des irrationalen, revolutionären und von der Kommunistischen Partei noch aufgeheizten Wahns erfasst, darin gefangen und davon aufgeputscht. Die Gehirnwäsche war in vollem Gange. Fabrikarbeiter versammelten sich täglich nach der Arbeit, um die von der Zentralen Regierung herausgegebenen Zeitungsartikel oder Papiere mit ihren leeren Slogans wie „Der Weltrevolution mit harter Arbeit dienen“ zu studieren. Junge und unschuldige…

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