Magazin , 2004

Durchs Bild zur Welt gekommen

Wie Thomas Mann Fotografie zur Literatur werden liess

Seit ihrer Erfindung Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Fotografie kaum jemanden unberührt gelassen. Ob dilettierender Knipser oder berufener Meister, die Passion ist unteilbar. Sogar für jene noch, die die Kamera falsch herum halten und den Auslöser erst gar nicht finden, aufs bare Schauen also angewiesen sind. Eine Fotografie vor deren Augen, und ihr Blick kann tiefer schürfen als jener der Akteure. Die Inbrunst des Voyeurs zielt direkt auf den Grund. Und in die Mitte der Welt.

Ein solch barer Schauer war Thomas Mann. Wenn „Tommylein“ – nicht gerade ein Ausbund großer Geschicklichkeit – von seinen technisch versierten Frauen Katia und Erika nicht „Licht und Entfernung“ bei einer Kamera eingestellt bekam, dann stand er weit im Abseits, kläglich und stumm. Sein Scharf-Blick jedoch – bewahrt vor den irritierenden Fährnissen der Technik – schaute jedes Mysterium im Bild. Ein berufener Seher, ein Fotolüstling von Gnaden. Ganz Marcel Proust.

Und was Brassaï mit seinem Buch Proust und die Liebe zur Photographie für den Dichter der Recherche, ist nun Eva-Monika Turck für den Zauberer: Thomas Mann – Fotografie wird Literatur. Doch während Brassaïs brillanter Essay das Foto ausschließlich als dramatische Triebfeder, als Initialzündung für die Gestaltung der Proustschen Figuren und Plätze im Blick hat, ist Turcks Untersuchung weiter angelegt. Nicht besser, vielmehr gleichermaßen klug, nur eben umfassender. So geht Turck etwa – neben dem Hauptthema der „literarischen Anleihen des fotografischen Bilds“ – dem vielfach portraitierten Dichter und dessen Wunsch, in seinen Bildnissen „die Spuren…

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