Monografie , 2004

RONALD BERG

FRANKA HÖRNSCHEMEYER

DER MULTIDIMENSIONALE RAUM

Im Jahr 2001 lud Franka Hörnschemeyer zu ihrer Ausstellung in der Berliner Galerie Kapinos mit dem Titel „Westzimmer“. Die Einladungskarte zeigte einen chinesischen Holzschnitt von 1640, in dem unter einer Art Baldachin ein Marionettenspiel aufgeführt wird. Zwei Spieler bewegen den „bösen Vettern“ und die „Kammerzofe“ aus dem gleichnamigen Singspiel des 13. Jahrhunderts, eine dritte Gestalt begleitet die Aufführung mit Perkussionsinstrumenten. Was Franka Hörnschemeyer an dem Bild interessierte, war die seltsame Verschränkung verschiedener Raum- und Zeitebenen. Die Puppenspieler agieren hinter einem bemalten Paravent, vor dem die Marionetten wie auf einer Bühne auftreten. Das Puppenspiel selbst schildert eine zeitgleich an einem anderen Ort stattfindende Hochzeit. Der mit dem Bild illustrierte „Westzimmer“-Stoff – die Liebesgeschichte zweier junger Chinesen – basiert auf einer schon im 8. Jahrhundert verfassten Novelle, die dem spätere Singspiel als Grundlage diente. Soweit der Bildgehalt. Die Adaptation des Holzschnitts als Einladungskarte präludiert bereits das zentrale Thema der raumzeitlichen Verschiebungen von Franka Hörnschemeyers Installation bei Kapinos, deren räumliche Struktur auf die Rückseite der gleichen Karte in einer Kombination aus Grund- und Aufriss abgedruckt ist.

Beim Ausstellungsraum der Galerie handelte es sich tatsächlich um ein „Westzimmer“, durch dessen Fenster am Nachmittag die Sonne hereinschien. Als Achse der Verschiebung von der Geschichte zum Bild und zur Installation fungierte das Wort „Westzimmer“, das als Titel und Begriff jeweils schon auf beiden Seiten Karte erschien, um dann in die realen Raum-Zeit-Koordinaten der Berliner Galerie hinüberzugleiten.

In der Installation selbst setzten sich die Verschiebung auf der materiellen Ebene fort. Franka Hörnschemeyer benutzte nämlich Materialien,…

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