Titel: Existenz am Limit · von Hans-Jochen Luhmann · S. 78
Titel: Existenz am Limit , 2009

Hans-Jochen Luhmann

Eine kleine Geschichte der schubweisen Aufhebung der Verdrängung des menschgemachten Klimawandels

I. Freigabe aufgrund einer sachlich irrigen moraltheologischen Einstufung der Nutzung des „unterirdischen Waldes“

Als Johann Philipp Bünting im Jahre 1693 die Nutzung von Kohle empfahl, legitimierte er dies damit, dass Kohle einen „unterirdischen Wald“ darstelle. Dies war durchaus wörtlich gemeint, denn er formuliert, „dass die Steinkohlen […] von Gott mit ihrem besonderen Saamen begabet, dass sie sich biss an das Ende der Welt […] vermehren […] sollten“. Diese alchimistisch geprägte Auffassung, Kohle sei „nachhaltig“ nutzbar, weil sie ein „Wald“ sei und folglich nachwachse, hielt der alsbald einsetzenden bergmännischen Erfahrung allerdings nicht lange stand. Damit stand das Unbehagen im Raum: „Die Früchte der Schöpfung waren dem Menschen zum Genuss freigestellt. Was aber, wenn er daran geht, nicht mehr bloß die Früchte, sondern die Schöpfung selbst zu verzehren?“ (Sieferle 1982) Diese Frage, zum Ausgang des 17. Jahrhunderts und also 100 Jahre vor dem Start der fossil-basierten Industriegesellschaft gestellt, ist unverändert aktuell.

II. Verdrängung des Staunens

Zum Ende des 19. Jahrhunderts, hat die Naturwissenschaft ihren Siegeszug angetreten und in der Folge die Stelle des christlichen Glaubens samt Theologie weitgehend eingenommen. Man glaubt nun der Wissenschaft. Ihr Erfolg ist janusköpfig. Einerseits bringt sie eine enorme Neugier der Natur gegenüber mit sich. Die fossilen Brennstoffe werden als aus dem erdsystemischen Verkehr gezogene Biomasse, als gespeicherte Sonnenenergie erkannt – sie wachsen eben nicht nach. Andererseits ermöglicht die Naturwissenschaft europäisch-neuzeitlichen Typs die Entwicklung derjenigen Technik, die das Industriezeitalter kennzeichnet und die zu einem raschen Anstieg des Verbrauchs fossiler Energie…

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