Ausstellungen: Strassbourg · von Michael Hübl · S. 394
Ausstellungen: Strassbourg , 2004

MICHAEL HÜBL

Erweiterung des Tableau-Begriffs

Le Tableau Contemporain

Musée d’Art moderne et contemporain 23.7. – 10.10.2004

Die Lesbarkeit der Welt ist ins Schleudern geraten, und auf die Zeichen ist kein Verlass. Selbst dort, wo alles vertraut und unverfänglich scheint. Der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut haben in diesem Jahr Deutschlehrer und Muttersprachler weltweit dazu aufgerufen, ihr liebstes, schönstes, kostbarstes Wort zu benennen, doch egal, ob sich die Jury für Butterbrot oder Bremskraftverstärker, Wunschgemurmel oder Watschenmann entscheidet – es werden Zweifel bleiben, ob der Superlativ, auf den sich das Auswahlgremium geeinigt hat, just auf diese oder jene Vokabel zutrifft und ob nicht eher eine andere zu finden gewesen wäre, die als die oberliebste, superschönste, megakostbarste gelten sollte. Dabei ist dieses Suchspiel nur ein Nebenschauplatz. Hübsch und harmlos, jedenfalls verglichen mit der Liste der Relativierungen, die lang ist und durchaus folgenschwer: Sie reicht vom begrifflichen Verschleiß der politisch und ökonomisch motivierten öffentlichen Rede und ist bei den Verunsicherungen, die Marcel Duchamp einst mit einem frivolen Akt der Wirklichkeitsaneignung ausgelöst hat, bei weitem noch nicht zu Ende. Die Erosion der Verbindlichkeit und Gültigkeit von Zeichen und Vereinbarungen hat offenbar – siehe etwa die Menschenrechte – weite Bereiche gesellschaftlicher Artikulation erfasst.

Duchamps „Fountain“ ist seit 1917 zu einem Quell der Unwägbarkeiten geworden und hat nicht nur die Fundamente konventioneller Ästhetik unterspült, sondern hat – wenngleich mit einiger Verspätung – die unterschiedlichsten Manifestationen freigesetzt, die alle um den Begriff Kunst konkurrieren. Dass dieser Begriff fragil und anfällig für Fehldeutungen geworden ist, dass er immer wieder hinterfragt, präzisiert, neu definiert und…

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