Titel: Die Aktualität des Idyllischen I · von Reinhard Spieler · S. 144
Titel: Die Aktualität des Idyllischen I , 2006

Reinhard Spieler

Faule Nästwärme.

Idylle und Apokalypse bei Alice Musiol

Eine Stube aus der „guten alten Zeit“: Alte Schränke mit allerlei Kleingegenständen, ein schlichter Tisch mit den zugehörigen Stühlen, das passende Porzellangeschirr, an der Wand ein paar gerahmte Familienfotos und auf feines Leinen gestickte Sinnsprüche wie „Der Küche Zier ist Reinlichkeit“ oder „Übe früh dich hauszuhalten“ – ein perfektes Idyllen-Ensemble vom Beginn der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wir befinden uns in einem rekonstruierten Arbeiterhaus im Westfälischen Industriemuseum/Textilmuseum in Bocholt.

Was auf uns heute wie eine übrig gebliebene Oase der heilen Welt von gestern wirkt, mit all dem Charme der Nostalgie, mit dem Geruch der Grosseltern und den Gedanken an eine Zeit, in der die Welt vermeintlich noch in Ordnung war, ist allerdings per se schon eine merkwürdige Projektion aus heutiger Sicht, die wenig mit der tatsächlichen Alltagsrealität der damaligen Zeit zu tun hat. Offensichtlich genügt die museale Vergangenheitsperspektive, um die Realität in einem anderen Licht erscheinen zu lassen und den Blickwinkel auf einige wenige Aspekte zu verengen. Die schlichte Familienatmosphäre wird mit einem Wertesystem konnotiert, das heute verloren geglaubt und dies offenbar auch als herber Verlust empfunden wird. Dass die damalige Realität alles andere als eine heile Welt war, dass die Wohnung einem Industrie- oder Bergarbeiter gehörte, dessen Arbeitsleben von härtesten – aus heutiger Sicht vollkommen unzumutbaren – Bedingungen geprägt war, dass Arbeitslosigkeit, Krankheit und Inflation die Existenz massiv bedrohten, die politische Lage nach dem Ersten Weltkrieg chaotisch und höchst instabil war, dass selbst die Möbel nicht mehr als industrielle Imitationen früherer kunsthandwerklicher…

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