Gespräche mit Künstlern · von Heinz Schütz · S. 234
Gespräche mit Künstlern , 2006

Heinz Schütz

Leerstellen auf dem gedeckten Tisch:
„ghostAkademie“ & „Keimzelle des Staates“

Ein Gespräch mit Uli Aigner

Die Totalökonomisierung der Gesellschaft und die hochideologische Naturalisierung kompetitiven Verhaltens erfassen zunehmend alle gesellschaftlichen Bereiche und Institutionen. Sie dringen als Evaluierung und Wettbewerbsverschärfung in die Universitäten und Kunstakademien vor. Sie verleihen etwa auch der Institution Familie eine partiell neue Bedeutung. In den sechziger und siebziger Jahre wurde die Familie im Zuge der „sexuellen Befreiung“ und in Fortsetzung marxistischer Kritik als Keimzelle des kapitalistischen Staates „entlarvt“, gegenwärtig erscheint sie in einem durchaus ambivalenten Licht, als Ort der Restauration, aber auch als zwischenmenschliche Insel, jenseits des puren Egotrips.

In ihren jüngeren Arbeiten wendet sich die, im Jahr 2000 von Wien nach München übersiedelte, Künstlerin Uli Aigner den gesellschaftlichen Institutionen Akademie und Familie zu. Bezeichnend für ihren Ansatz ist, dass sie dabei nicht die Form expliziter und konfrontativer Kritik wählt, sondern gleichsam die „Leerstellen auf dem gedeckten Tisch“ zu entdecken und zu nutzen versucht. In einer großen Zeichnungsserie, die sie erstmals im Rahmen einer Installation Ende vergangenen Jahres im lentos, dem Kunstmuseum der Stadt Linz ausstellte, befasst sie sich mit der „Keimzelle des Staates“. Ihre „ghostAkademie“ wird im Juni dieses Jahres in der Rathausgalerie der Stadt München präsentiert. Sie setzt damit das institutionsbezogene Denken ihrer bisherigen Arbeit fort und bezieht, wie schon zuvor, die eigene Lebenswelt als konstitutiven Faktor ihrer Arbeit mit ein.

Heinz Schütz: An Kunstakademien wird Kunst gelehrt und produziert, die Institution Akademie selbst versteht sich jedoch nicht als Kunstwerk. Handelt es sich bei der ghostAkademie um eine Art…

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