Fragen zur Zeit , 2014

Michael Hübl

Ganz nah dran

Schützengraben, Nester, Woodstock-Feeling – Das Verhältnis modernen und postmodernen Lebens zum Boden spiegelt sich in der Kunst

Liebespaare mit ungebrochen kuscheligen Zukunftsvorstellungen kennen die Vision spätestens seit es das kleinbürgerliche Familienmodell gibt: Aus dem Hormonrausch der ersten Stunden erwächst als höchstes der Gefühle der Wunsch, sich ein „Nest“ zu bauen. Ein unter Menschen offenbar tief verankertes Bedürfnis, dem auch der Künstler Nils-Udo nachkam. Der allerdings benötigte weder Zweierbeziehung, noch Bausparvertrag oder IKEA-Erstausstattung, denn er ging von anderen Prämissen aus als die Verliebtverlobtverheirateten: 1978 schichtete Nils-Udo in der Lüneburger Heide Ast um Ast, Zweig über Zweig zu einem nach unten konisch zulaufendes Gebilde auf. Wie eine riesige Schale erhob es sich in der Landschaft, groß genug um einen Menschen aufzunehmen. „Das Nest“, das damals entstand und das längst wieder in den Kreislauf der Natur eingegangen ist, gehört heute nicht nur zu den Fixpunkten deutscher Land Art, es hat auch den Künstler weiter beschäftigt. Rund zwei Jahrzehnte später entwarf er das Cover für Peter Gabriels Album „OVO“ 1. Wieder arrangierte Nils-Udo ein Nest, diesmal allerdings aus Ästen und Weidenruten, die zu rotieren scheinen und in ihrer zentrifugalen Dynamik aussehen wie ein Lichtkranz aus zahllos feinen Strahlen. Die artifizielle Brutstätte ist nicht leer: Ein nacktes Kind liegt in Embryonalstellung auf ihrem mit Heu ausgefütterten Boden.

Das von Nils-Udos Objekt dominierte Bild war und blieb ein Zeitgeist-Signet. Es kondensiert in ihm die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Ein „Zurück zur Natur“ in Reinform, das eigentlich gemeint ist als Vorausdeuten auf einen Zustand so unschuldig wie…

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von Michael Hübl

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