Titel: Essen und Trinken , 2002

JÜRGEN RAAP

Tischordnung

RITUALE UND EVENTS

Vom gemeinschaftlichen Grillen auf dem Campingplatz bis zu den diplomatisch-protokollarischen Regeln beim Staatsbankett, vom romantischen Kerzenschein-Dinner bis zum Vernissagenbuffet ist das Zubereiten und Verzehren von Speisen als Durchführung von sozial-kommunikativen Ritualen zu beschreiben. Der gemeinsame und zeitgleiche Verzehr der Mahlzeit soll einen geistig-seelischen und sozial-kulturellen Zusammenhalt konstituieren. Gleiches gilt natürlich ebenso für die Regeln des geselligen Umtrunks. Eat Art-Aktionen, Performances mit einer Bewirtung des Publikums und Künstlerbankette zielen auf eine sensuelle Erweiterung und ästhetische Verstärkung, manchmal aber auch auf eine ironische Durchbrechung der Formalisierung von Tischkultur. Andersartige Konzepte des Arrangierens und Servierens von Speisen in ungewöhnlichen Raumkulissen und mit entsprechender musikalischer oder theatralisch-zirzensischer Begleitung, die zuerst im Kunst-Kontext realisiert werden, erfahren kurze Zeit später dann eine Adaption in der sogenannten „Erlebnisgastronomie“ und im „Event-Catering“. Da schlüpft alsdann der Koch in die Rolle des „Food-Designers“.

1965 führte Joseph Beuys in der Düsseldorfer Galerie Schmela seine Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ durch. „Beuys, mit vergoldetem und mit Honig bestrichenem Kopf, trug einen toten Hasen durch den Raum und zeigte diesem Bilder und Objekte. Ganz behutsam drehte er den Kopf des Tieres, streckte seine Pfoten, ließ es wie lebendig aussehen.“1 Karin Thomas attestiert solchen Beuys-Aktionen in jener Phase einer persönlichen Wegbewegung des Künstlers von Happening und Fluxus, „durch ritualhaft inszenierte Materialien“, darunter auch Fett und Honig, „ein symbolisch-spirituelles Dingvokabular für Energiespeicherung, Spannung, Kreativität zur Anschauung… metaphorisch präzisiert und vertieft“ zu haben.2

Solche und ähnliche Auftritte der damaligen Künstlergeneration, die als „kultisch-liturgische Einzelaktion“ (K. Thomas) zu beschreiben sind, mündeten…

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