Monografie , 2002

RAINER METZGER

DAS SEINE, DAS IHRE UND DAS DAZWISCHEN

AVANTGARDE UND WITZ: ÜBER DIE ÖSTERREICHISCHE KÜNSTLERIN ILSE HAIDER

Es gibt Leute, die sehen in jedem Penis ein Phallussymbol. Dann geht der Blick gleich auf die ominöse Stelle, und Ilse Haiders lebensgroßes Bild von einem Mann tut auch nichts, um ihn abzulenken. „Männlicher Akt stehend“ ist ein Wandrelief, eine dünne Schicht aus Silikon, in der schwarze Fäden stecken, jene Plastikstängel, wie sie bei künstlichen Blumen den Blütenstaub markieren. Ab einer gewissen Sehdistanz fügt sich das Arrangement zum fotografischen Abbild. Die dunklen Gebilde aus Kunststoff funktionieren dann wie Pixel, und aus dem Gemenge ihrer je nachdem dichten oder losen Applizierung ersteht die Illusion einer Person in Schwarz-Weiß.

„Männlicher Akt stehend“ ist das Werk betitelt, so betont deskriptiv wie sinnfällig akademisch. Die Standfigur hat in der Tat etwas Klassisches, sie bemüht den Kontrapost, hat den Kopf leicht ins Profil gewendet und erhält durch die Arme, die die Hüften berühren, eine kompakte Silhouette. Natürlich hatte es der nackte Schönling in jener Situation, als die Aufnahme entstand, der sich dann die Künstlerin bediente, eher auf Lässigkeit abgesehen, auf das Selbstbewusstsein des Körpergestählten. Doch in Ilse Haiders augenzwinkernder Retusche ist etwas abgehalftert Zeitloses hinzugekommen, das ewig Männliche sozusagen, das uns hinanzieht. Ilse Haiders Arbeit lebt von der Selbstverständlichkeit, dass sie eine Frau ist, von einer Feminität, die den Kampfesmut des Feminismus ebenso verinnerlicht wie sich von ihm emanzipiert hat. Nun errichtet sie dem Prinzip des Maskulinen die Denkmäler, die es sich verdient hat.

„Ich habe niemals so hohe Schönheiten in dem…

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von Rainer Metzger

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