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Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte · S. 337 - 337
Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte , 1988

Dirk Schwarze
In eine offene Wunde

Horst Hoheisels Brunnen in Kassel

Wie gehen wir mit der Vergangenheit um? Kann und darf man eine Brunnenplastik, die ein Jude stiftete und die deshalb von den Nazis zerstört wurde, wieder so errichten, als sei nichts geschehen? Oder soll man an die Stelle ein Mahnmal setzen? Oder kann man über die Zeit hinweggehen und eine ganz neue Form gestalten? In Kassel wurde diese Diskussion beispielhaft geführt und mit Hilfe des Bildhauers Horst Hoheisel (Jahrgang 1944) überraschend klar gelöst.

Der Kasseler Fabrikant Sigmund Aschrott hatte 1908 für den Vorplatz des Rathauses einen Brunnen gestiftet, eine „architektonische Spielerei“ des Architekten Karl Roth. Der Brunnen nahm die Formensprache des zur gleichen Zeit erbauten Rathauses auf: Aus einem Brunnenbecken erhob sich ein über elf Meter hoher Obelisk, der von vier kleinen Pyramidensäulen umstanden wurde. Da Aschrott, der seiner Heimatstadt mehrere Stiftungen zugeeignet hatte, Jude war, wurde der Brunnenaufbau im April 1939 zerstört. Die Umfassung blieb stehen und wurde nach dem Krieg als harmlos plätschernder Brunnen wieder benutzt.

1984 sah es so aus, als würde die Geschichte zugeschüttet und als würde mal wieder, wie so oft bei städtischen Brunnen, die kleine Heimatlösung obsiegen. Ein Wettbewerb zur Neugestaltung war ausgeschrieben und förderte Entwürfe zutage, die Kassels Profil an so prominenter Stelle für immer verbaut hätten. Zum Glück merkten die Verantwortlichen rechtzeitig, was sie der documenta- Stadt angetan hätten. In den so entstandenen Leerraum wagte sich der Bildhauer Horst Hoheisel vor, der mit äußerst strengen und dabei sanften Wasser-Stahl-Plastiken hervorgetreten ist: Indem er ein Wasservolumen…


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