Ausstellungen: Frankfurt a.M. , 1999

Reinhard Ermen

Joseph Kosuth

»Gäste und Fremde: Goethes Italienische Reise«

Schirn Kunsthalle Frankfurt, 31.7. – 12.9.1999

Joseph Kosuth (*1945) war mit vier Assistenten in der langgestreckten oberen Galerie der Frankfurter Schirn zu Gast, um einen Genius Loci der Stadt zu ehren. „Gäste und Freunde: Goethes Italienische Reise“ heißt die raumgreifende Installation, und was den Eintretenden gleich zu Beginn ergreift, ist die Feier einer schriftgewordenen Schönheit der Sprache, wie sie nur Joseph Kosuth zu inszenieren vermag. Es kommt zur Übereinkunft von produktiver Sprachskepsis mit typographisch, erkenntnistheoretischen Vergegenwärtigungsstrategien, das produktive Bilderverbot wird mit dem architektonischen Hohlraum verheiratet.

Die Grundfarben sind grau, schwarz, weiß. Eine erste und bleibende Orientierung leistet die durchlaufende Mittellinie an der Johann Wolfgang Goethe und Walter Benjamin gespiegelt sind. Beide sind hier der gleichen, fließenden Kursive anvertraut. Darüber schweben (warum nicht: wie Wolken) die rechteckigen Schwarzfelder mit den Textpassagen aus der „Italienischen Reise“, im Bereich unter dem Horizont schwimmen als Pendant dazu die Inseln mit knappen Wittgenstein-Sentenzen. Oben Goethe, die „Italienische Reise“ und als unmittelbares Gegenüber zu Benjamin Allgemeines zur Sprache, unten die Anderen, neben Benjamin, Mary Douglas, Alfred Schütz und eben Ludwig Wittgenstein. Zwei ‚historische‘ Zierleisten sichern die räumliche Redetafel zur Decke und zum Fußboden ab: oben eine helfende Einordnung zur ‚Goethezeit‘ von Nicolas Boyle, unten die mentalitätsgeschichtliche Fußnote eines Benimmbuches aus alter Zeit („Moderne Etikette für private und öffentliche Gelegenheiten“). Die große Eingangstür am Kopf des Saales von immerhin 65 Metern Länge markiert Anfang und Ende aller Sätze, nur die Querdenkerin Mary Douglas negiert die Zäsur dieses Einstiegs. Und noch eine Ausnahme…

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von Reinhard Ermen

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