Ausstellungen: München · S. 363
Ausstellungen: München , 1990

Gabi Czöppan

Lawrence Gipe

Six Friedrich, 12.10.-8.11.1989

Mächtig und dunkel wachsen seine Bauten in den Himmel, qualmende Fabrikschlote, stampfende Eisenbahnräder, fauchende Dampfloks, Fördertürme und Viadukte verschwinden vor leuchtenden vibrierenden Horizonten und dramatisch inszenierten Nachthimmeln.

Es sind Industrielandschaften, heroisch-romantische Fantasien im Stil der 20er und 30er Jahren, eine Reverenz an das längst vergessene und geschmähte Industriezeitalter des letzten Jahrhunderts, mit der der junge US-Künstler Lawrence Gipe auch an ein typisch amerikanisches Phänomen erinnert: die Faszination der Technik, den Beginn der „modernen Zeiten“, wie Chaplin einen seiner berühmten zeitkritischen Filme der 30er Jahre treffend genannt hat. Ein Hauch Hollywood weht durch die menschenleeren Szenerien des 27jährigen Malers aus Los Angeles, obwohl Lawrence Gipe seine Bauten nicht nach Kulissen, sondern nach authentischen Vorbildern malt. Die meisten der Fabriken (vor allem in New England) und Prunkgebäude sind heute viel besuchte Touristenattraktionen. Ihre Ästhetik ist spätestens seit dem millionenschweren Kunstfilmprodukt „Batman“ wieder en vogue, aber ihre Formen vermitteln längst nichts mehr von der bedrohlichen Verheißung des Siegs der Technik über die natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen und erst recht nichts mehr von ihrem ursprünglichen, verherrlichenden Anspruch.

Fremd, zugleich faszinierend und verstörend schön läßt Gipe in seinen Gemälden die Kunst des 19. Jahrhunderts wieder aufleben, genauer gesagt jener Epoche, in der erstmals eine kritische Sicht auf eine durch die Industrie veränderte Umwelt deutlich wird. Gipes Standpunkt ist dabei aber ohne Zweifel von heute. Auch er weiß: Die industrielle Revolution ist heute ein längst vergessenes Erbe, ihre Kritik nur noch Abglanz der Geschichte. Deshalb konterkariert er die pathetischen Szenerien – ähnlich großen Werbeplakaten…

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