Titel: Borderlines · von Anika Meier · S. 118
Titel: Borderlines ,

Link in Bio

Kunst nach den sozialen Medien

von Anika Meier

Es wirkt immer leicht verzweifelt, wenn auf Instagram in einer Bildunterschrift der Satz „Link in Bio“ steht. Das ist, als würde man auf einen Werbeprospekt einen Sticker mit dem Hinweis „Lies mich“ kleben. Jerry Saltz, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Kunstkritiker, ließ seiner Verzweiflung kürzlich freien Lauf. Er schrieb: „Please click on the link in my profile (above) for a long read“ (‚Bitte klicken Sie auf den Link in meinem Profil (oben) für die erweiterte Lektüre‘), es folgte die Kurzzusammenfassung seines Textes, dann: „Give a click at least … xo“.1 Also, leicht quengelig: jetzt klickt doch endlich, Küsschen, Küsschen. Das ist, als würde man auch in der Innenstadt Passanten hinterherlaufen, die keinen Werbeflyer möchten, und ihnen hinterherrufen. Warum tun die das? Weil es auf Instagram nicht wie beispielsweise bei Facebook und Twitter möglich ist, einen anklickbaren Link zu setzen. Das geht nur an einer Stelle, nämlich in der so genannten Bio. Instagram möchte nicht, dass die Nutzer die App verlassen, die Nutzer möchten das im Zweifel auch nicht, also muss man sich etwas einfallen lassen wie so ein verzweifelter Werbeprospektverteiler. Küsschen, Küsschen.

Ende Juni 2018 meldete das soziale Netzwerk eine Milliarde aktive Nutzer, 500 Millionen sind täglich aktiv, in Deutschland sind es 15 Millionen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Masse der potentiell erreichbaren Menschen ist groß. Der Nachteil: Die Konkurrenz auch. Im Jahr 2011 wies der Künstler Evan Roth auf die Möglichkeiten hin, die das Internet bietet. Die Net.Art war zu diesem Zeitpunkt schon in die Jahre gekommen und von der Post-Internet Art abgelöst worden, die Kunst war statt nur im Internet wieder in der Galerie in Form von Kunstwerken zu sehen. Und Roth schrieb, Instagram gab es damals erst knapp ein Jahr: „The internet has allowed more and more individuals to become makers, participants, and viewers of the art, and it presents artists with the opportunity to speak to the equivalent of a packed football stadium.“ (‚Das Internet hat es immer mehr Menschen ermöglicht, Macher, Teilnehmer und Zuschauer der Kunst zu sein, und bietet Künstlern die Möglichkeit, mit Massen im Umfang eines vollbesetzten Football-Stadions zu kommunizieren.‘)2 Die Zahlen in Zeiten von Instagram: Martin Parr 367.000 Follower, Cindy Sherman 217.000 Follower, Damien Hirst 469.000 Follower, Jeff Koons 311.000 Follower, Wolfgang Tillmans 148.000 Follower, David Shrigley 183.000 Follower. Ganz klar, so Roth weiter, Kunst solle natürlich nicht nach Likes beurteilt werden, stattdessen gehe es jetzt darum, Kunst zu machen, die Kritiker, Kuratoren und bei der Arbeit gelangweilte Menschen anspricht.

Künstler und Laien teilen plötzlich Raum und Publikum, im Internet und in den sozialen Medien stellt sich trotzdem erst einmal kein Kurator oder Kritiker vor den Künstler und erklärt und ordnet ein Werk für das Publikum ein.3 Hier gelten die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie, die Währung sind Likes, Kommentare und Follower. Wie leicht dieses System ad absurdum geführt werden kann, hat im Jahr 2014 der niederländische Konzeptkünstler Constant Dullaart mit seiner Intervention „High Retention, Slow Delivery“ gezeigt. Für 5.000 Dollar hat er 2,5 Millionen Follower gekauft und auf Protagonisten der Kunstwelt verteilt, so dass Künstler wie Ai Weiwei und Amalia Ulman, Kuratoren wie Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist, Kritiker wie Jerry Saltz und Galerien und Magazine alle mit 100.000 Followern gleich wichtig waren.

Die Verweigerung der sozialen Medien ist eine Möglichkeit, ein Bekenntnis zur künstlerischen Krise eine andere. Als Künstler ist man plötzlich einer von vielen und muss erst einmal besser sein als die vielen. Das Bekenntnis zur Krise von Netzkünstler Cory Arcangel liest sich so: „All this stuff out there made by all these people is probably better than the stuff I’m making. How do you deal with that? That’s one part of the question, and the second part of the question is where do I fit in with that, because essentially I’m doing the same thing that they are. As an artist, what is my role in the internet? The first part is like a daily battle. I call it the fourteen-year-old Finnish-kid syndrome.“ (‚Das ganze Zeug, das all diese Leute da draußen machen, ist wahrscheinlich besser als das Zeug, das ich mache. Wie gehst du damit um? Das ist ein Teil der Frage, und der zweite Teil der Frage ist, wozu ich gehöre, weil ich im Grunde ja das mache, was sie machen. Welche Rolle spiele ich als Künstler im Internet? Der erste Teil ist wie ein täglicher Kampf. Ich nenne es das „Syndrom des vierzehnjährigen finnischen Kindes.‘)4

Eine dritte Möglichkeit ist Präsenz. Was machen Künstler und Fotografen auf Instagram? Sie sind Künstler und Fotografen, Aktivisten, Unangepasste und Selbstdarsteller.

 

DER FOTOGRAF

Stephen Shore, einer der Mitbegründer der New Color Photography und international einer der angesehensten Fotografen, muss sich belächeln lassen, weil er Instagram nutzt. „Nein, im Ernst, es existiert genügend Fotomüll. Was bringt für ihre Kunst gerühmte und hoch dotierte Großfotografen wie Stephen Shore dazu, Handy-Schnappschüsse auf Instagram online zu stellen? Antwort: Weil’s Spaß macht. Hm, Spaß? Uns grundernsten Deutschen tönt das verdächtig, wie der Schweizer sagen würde. Ist das noch Spaß oder schon Verrat an der Kunst?“5 noch Ironie oder schon Ernst von Jo Berlien?

Seit 2014 ist Shore auf Instagram aktiv und postet jeden Tag ein Foto, das er mit seinem iPhone macht. Zu sehen sind Landschaften, seine Haustiere (Hunde und Katzen), seine Frau, der Garten seiner Frau, seine Familie, Essen, Reisen, sehr selten Selfies. Mittler weile hat er 151.000 Follower, sein Instagram war Teil der großen Retrospektive im Museum of Modern Art in New York. Die Besucher konnten sich auf iPads durch seinen Account klicken. Jason Farago, Kritiker der New York Times zeigte sich wenig begeistert und sehr verwundert darüber, dass Shore sich mit 70 Jahren, quasi im 5. Akt, unter die Instakids mischt. Und wer das hinterfragt, so der Autor, müsse sich als technologiefeindlich betrachten?6 Nein, wer das hinterfragt, hat nicht verstanden, dass Shore bis ins hohe Alter der „restless reformer“, also der rastlose Reformer ist, als der er im selben Text gewürdigt wird. Shore stört sich nicht an der Kritik, vielleicht, weil sie ihm nur zu bekannt ist.

Was machen Künstler und Fotografen auf Instagram? Sie sind Künstler und Fotografen, Aktivisten, Unangepasste und Selbstdarsteller.

Im März 1972 machte er sich von New York aus auf zu einem Road Trip quer durch Amerika über Texas nach New Mexico. Unterwegs fotografierte er jede seiner Mahlzeiten, jedes Bett, in dem er schlief, jede Toilette, die er benutzte, und jede Person, die er traf. Es entstand ein visuelles Tagebuch, das mit seinem Fokus auf Alltäglichem nichts mehr gemein hatte mit dem entscheidenden Augenblick, um dem es Henri-Cartier Bresson gegangen war. Als die farbigen Schnappschüsse im Kleinformat mit Tesa an die Wand geklebt noch im selben Jahr in New York unter dem Titel „American Surfaces“ ausgestellt wurden, stießen sie beim Publikum nicht unbedingt auf Begeisterung. Farbe in der Fotografie galt als „vulgär“ (Walker Evans). Die amerikanischen Straßenfotografen William Eggleston, Joel Meyerowitz und Joel Sternfeld waren gerade dabei das zu ändern.

Die Schnappschuss-Ästhetik der frühen 70er-Jahre ist für Stephen Shore die Verbindung zu Instagram. Damals hat er sein Interesse für die Unmittelbarkeit des Mediums entdeckt, heute, nach Mick-A-Matic und Polaroid, interessiert er sich wieder für visuelle Notizen. Damals adaptierte er die Schnappschussästhetik von Amateuren und fotografierte wie ein Tourist, heute dokumentiert er wieder Alltägliches und Banales und fotografiert wie ein Nutzer auf Instagram.

DIE KÜNSTLERIN

Cindy Sherman, eine der teuersten Künstlerinnen der Welt, ist spät zu Instagram gekommen. Im Sommer 2017 hat sie ihren Account von privat auf öffentlich gestellt, die internationale Presse überschlug sich. Die New York Times: „But the photographer Cindy Sherman – who knows more than most about the deceptions of selfies – has quietly been exploring Instagram’s potential for something more than selfpromotion“,7 das Fazit: „(…) though clearly not made with the same rigor as her art, still resonate with the best of her studio works.“ (‚Aber die Fotografin Cindy Sherman, die besser als die meisten anderen über die trügerischen Bewandtnisse von Selfies Bescheid weiß, hat in aller Stille das Potenzial von Instagram jenseits der Selbst-Werbung erforscht [, das Fazit:] (…) wenn dies auch eindeutig nicht mit der Strenge ihrer Kunst geschah, klingen hier immer noch selbst ihre besten Studioarbeiten nach.‘) Catrin Lorch in der Süddeutschen Zeitung fragte, ob der Bilderstrom das Œuvre unterlaufen würde, ihre Antwort: „Nein: Denn gerade weil das künstlerische Werk viele Elemente der sozialen Medien und der weiblichen Inszenierung antizipiert hat, ist der Effekt so überwältigend.“8 Der Guardian: „In many cases, Instagram is not art but a digital dumping ground – a playground for society’s worst narcissists. For an artist like Sherman to be using it as an exhibition space raises the bar for users seeking attention or claiming to be art-ists.“(‚ In vielen Fällen ist Instagram nicht Kunst, sondern eine digitale Müllhalde – ein Spielplatz für die schlimmsten Narzissten der Gesellschaft. Wenn eine Künstlerin wie Sherman Instagram als Ausstellungsraum nutzt, erhöht das die Meßlatte für Nutzer, die Aufmerksamkeit suchen oder Künstler sein wollen.)9

Cindy Sherman stellt mit Empathie den neuen Narzissmus aus.

Sherman selbst meldete sich erst zu Wort, als sich die Aufregung gelegt hatte: „All these Instagram images are, for me, just playing around“, sagte sie, und weiter: „I don’t think it at all competes with my serious work. They’re just fun, like a little distraction.“ (‚All diese Instagram-Bilder sind für mich nur ein Herumspielen […]. Ich denke nicht, dass es irgendwie mit meiner ernsten Arbeit konkurriert. Sie machen einfach Spaß, wie eine kleine Ablenkung.‘)10 Selfies, die hasse sie nämlich, bei dem Gedanken, dass sie Selfie-Queen genannt wird, schüttele es sie.

Auf Instagram postet sie Selfies, Essen, Selfies, Selfies, Sonnenuntergänge, Selfies, Tiere, Selfies, Ausstellungen, Konzerte und Selfies. Ihre Selfies sehen aus wie der Albtraum eines Teenagers, der Instagram nutzt, um aus sich eine Marke zu machen. Sie sind brutal ehrlich in ihrer karikaturhaften Überzeichnung. Sie zeigt Frauen, die sich für ihre Frontkamera schön gemacht haben, um sich in den sozialen Medien zu präsentieren. Sherman manipuliert ihr Gesicht mit einer App, die eigentlich Makel beseitigen soll. Sie nutzt die App, um den Makel hervorzuheben. Zu viel Makeup, zu glatte Haut, zu faltige Haut, der Mund zu breit, die Augen zu groß. Cindy Sherman stellt mit Empathie den neuen Narzissmus aus.

 

DER UNANGEPASSTE

Während Shore und Sherman auf Instagram ihr neues Werk zeigen, geben sich andere wie Richard Prince, Maurizio Cattelan und Alec Soth maximal unangepasst. Soth beispielsweise, der Magnum-Fotograf, nutzt Instagram wie ein Teenager, der zeigen möchte, dass er es verstanden hat, aber dann doch zu cool ist, es wirklich ernst zu nehmen. Instagram führt er wie ein öffentliches Tagebuch, humoristisch zeigt er sich darin von seiner besten Seite. Sein Hund Misha ist sein Sidekick, der mal im Bett liegt, während er selbst Fotos editiert, der mal auf einem Stuhl am Schreibtisch sitzend hinter einem Laptop hervorschaut und der mal unberührt vor einem Fidget Spinner thront. Soth teilt Gedichte, Hinweise auf Bücher, Workshops und Ausstellungen und er gibt Einblick in aktuelle Projekte. Wenn man ihn fragt, warum er Instagram nutzt, sagt er: „Im Grunde entertaine ich mich selbst, ich habe Spaß damit.“

Der Spaß kam aber erst mit der Zeit. Anfangs konnte er nichts mit Instagram anfangen, weil es um Filter ging. Außerdem fühlte er sich bedroht, weil da plötzlich lauter Leute waren, die Fotos austauschten. „Romanautoren sollten sich nicht von Menschen bedroht fühlen, die Twitter nutzen. Fotografen sollten sich nicht von Leuten bedroht fühlen, die Instagram nutzen“, sagt er heute. Für den Beginn am 28. Juni 2013 hatte er sich ein Konzept überlegt: Er sammelte und teilte Ideen, was er auf Instagram teilen könnte. Nach zwanzig Ideen war Schluss. Idee 1: „unselfies“, also Selfies mit nicht erkennbarem oder unkenntlich gemachten Gesicht. Die setzt er immer noch um. An Idee 2 blieb er eine Weile dran, genau achtzehn weitere Male: „pictures of ideas“. Alles andere, wie beispielsweise analoges Pinterest, nicht likebare Tierbilder, Kurznachrichten vom Therapeuten und Augapfelporträts, ließ er bald wieder bleiben.

Im sozialen Netzwerk verändert sich die Funktion des Mediums Fotografie, es wird zum Mittel der Kommunikation. Die auf symmetrischen Austausch ausgerichtete Struktur der sozialen Netzwerke begünstigt, dass Bilder als Mittel der Konversation eingesetzt werden, so der Kunsthistoriker André Gunthert. Auf Snapchat, in Instagram Stories und in Messenger-Diensten wird auf Bilder und Videos mit Bildern und Videos geantwortet – für jede Emotion gibt es den passenden Selfie-Filter. „Conversational images“11 nennt Gunthert Fotos in den sozialen Medien, die dafür gedacht sind, beantwortet und geteilt zu werden. Soth fordert den Dialog immer wieder aktiv heraus, indem er beispielsweise mit dem Aufruf „#Caption-This“ um Vorschläge für Bildunterschriften bittet.

 

DER AKTIVIST

Wolfgang Tillmans und Nan Goldin kamen beide ähnlich spät zu Instagram wie Cindy Sherman. Beide nutzen sie das soziale Fotonetzwerk als Verstärker ihrer politischen Agenda. Nan Goldin wollte noch im August 2016 sichergestellt haben, dass sie nicht für das Phänomen soziale Medien verantwortlich gemacht werden könne.12 Ihr Werk wirkt nämlich heute wie eine Vorwegnahme des manischen Teilens privater Momente in den sozialen Medien. Und Wolfgang Tillmans fällt es schwer, „Handygeknipse“ ernst zu nehmen, obwohl ihm bewusst ist, „dass auf diesen bierdeckelgroßen Bildern tatsächlich eine Qualität kommunizierbar ist“, wie er sagt.13

Im Dezember 2017 wurde Nan Goldin auf Instagram aktiv, wenige Wochen später wurde der Grund dafür bekannt. Sie war abhängig vom Schmerzmittel Oxycontin, das ihr 2014 vor einer Operation in Berlin verschrieben worden war. Über Nacht wurde sie abhängig, lebte immer isolierter, bis sie das Haus nicht mehr verließ und auf Heroin umstieg, weil ihr kein Arzt mehr Oxycontin verschreiben wollte. Drei Jahre lang war sie, wie Millionen andere, von dem Medikament abhängig, das eigentlich Schmerzen lindern soll. Sie gründete mit Bekannten die Initiative P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now), um ein Bewusstsein für die Dimension dieser Drogenflut schaffen. Ziel ist außerdem, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, die Familie Sackler, deren Unternehmen Purdue das Schmerzmittel Oxycontin erfunden und aggressiv vertrieben hat. „Ich will die 50.000 Follower wegen meiner politischen Arbeit. Ich finde, jeder mit einer Stimme sollte den Mund aufmachen!“, sagte sie im Gespräch.14

Politischer Aktivismus und Kunst nach den sozialen Medien arbeiten mit den Gegebenheiten und der Funktionsweise der sozialen Medien.

Wolfgang Tillmans derweil teilt in den sozialen Medien seine politischen Plakate, etwa zur Bundestagswahl im Jahr 2017. Darauf stehen Sätze wie: „Dieselbe Story (leicht abgeändert) in jedem Land: Rechtspopulisten gewinnen, weil die anderen zuhause bleiben. Beweg deinen Hintern am 24.9. zur Wahl. Nur das hilft.“ Dafür wurde er gefeiert und kritisiert. Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich kritisierte heftig, dass keine inhaltliche Deutung der Plakatmotive stattfand, und vom Künstler offenbar nicht einmal erwartet werde, dass er in seinem genuinen Medium, dem Bild, etwas ausdrücken möchte. Sein Fazit: „Das moralische Bekenntnis überstrahlt alle Fragen nach künstlerisch-formalen Kriterien; noch so große Beliebigkeit in der Wahl der ästhetischen Mittel bleibt folgenlos für die Beurteilung der Aktion.“15 Würde es sich um Plakate handeln, die für eine Ausstellung konzipiert worden sind, wäre die Kritik durchaus berechtigt. Es handelt sich aber um politischen Aktivismus, der in erster Linie Reaktion und Reichweite in den sozialen Medium zum Ziel hat. Nicht jede Form von politischem Aktivismus eines Künstlers ist zugleich Kunst. Die Botschaften auf den Plakaten von Tillmans sind der offensichtliche Kommentar, der laut ausgesprochen werden muss von jemandem, dessen Stimme gehört wird. Die sozialen Medien sind der Verstärker. Die aktivistische Aussage wird möglichst plakativ formuliert, weil die Botschaft beim Scrollen vom Empfänger schnell erfasst werden muss. Eine zweite bildliche Ebene wird nicht unbedingt benötigt, um die Diskussion anzuregen.

Als Künstler ist man plötzlich einer von vielen und muss erst einmal besser sein als die vielen.

Politischer Aktivismus und Kunst nach den sozialen Medien arbeiten mit den Gegebenheiten und der Funktionsweise der sozialen Medien. Die Nutzung der sozialen Medien ist Alltag geworden, etablierte Künstler können und wollen nicht mehr darauf verzichten, sie arbeiten damit. Sie sind dort, wo ihr Publikum ist. Einst waren es Webisten, dann Blogs, heute sind es die sozialen Medien, allen voran Instagram, wenn es um visuelle Künste geht. Für Shore und Sherman bedeutet Instagram der Eintritt in eine neue Werkphase. Für Alec Soth ist es eine Promotions- und Diskussionsplattform. Für Wolfgang Tillmans und Nan Goldin ist es eine Publikationsplattform, die es ihnen ermöglicht, ihrem Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten mehr Gehör zu verschaffen. Sie haben dabei nicht den Anspruch, einen Beitrag zur Debatte um Kunst in Zeiten sozialer Medien zu leisten. Den haben junge Künstler, die auf das Medium Instagram und seine Inhalte reagieren.

 

SOCIAL MEDIA ARTIST

Nachdem die Protagonisten der Net.Art, die Technik-Utopisten der frühen 1990er Jahre, bald erkennen mussten, dass das Netz das etablierte Galeriensystem als Ausstellungsort nicht aushebeln wird, übernahm die nächste Generation von Künstlern, die auf das Internet reagierte. Schnell verbreitete sich das Schlagwort der Post-Internet Art, das noch schneller zu einem Schimpfwort wurde. Den Begriff prägte die Netzkünstlerin Marisa Olson eher versehentlich, als sie auf einem Panel über ihre Arbeitsweise sprach: „Everything that I do unfolds from my major, hardcore obsession with pop music and cultural distributive communication technologies. I’m going to toggle back and forth between video and internet because some of the internet art that I make is on the internet, and some is after the internet.“ (‚Alles, was ich tue, entwickelt sich aus meiner großen, hardcoremäßigen Obsession für Popmusik und kulturelldistributive Kommunikationstechnologien heraus. Ich werde zwischen Video und Internet hin- und herswitchen, weil ein Teil meiner Internetkunst im Internet und ein anderer nach dem Internet ist.‘)16 Was hier nach einem Lebensgefühl klingt, wurde zu einer Sammelbezeichnung für Künstler, die statt Kunst im Browser wieder Kunst für die Galerie machten, also wieder verkäufliche Werke schufen. Das wurde ihnen zum Vorwurf gemacht, weil der Verdacht nahe lag, dass es lediglich darum ging, wieder ein Produkt für den Kunstmarkt zu haben. Der Kunstkritiker Jörg Heiser schreibt: „Die Fundstücke aus dem Netz werden technisch reproduziert und als fotogenes Objekt in den Galerieraum gestellt, damit sie abfotografiert wieder im Netz landen.“17 Als Beispiel nennt er Katja Novitskova.

Social Media Art wiederum greift die Utopie der Net.Art auf, die Kunstwelt demokratisieren zu können beziehungsweise das Galeriensystem umgehen zu können, indem durch Instagram, Facebook, YouTube, Tumblr und Twitter das Publikum direkt erreicht wird. Und tatsächlich, Social Media Artists wie Amalia Ulman, Andy Kassier und Signe Pierce schaffen Arbeiten in den sozialen Medien als Reaktion auf die sozialen Medien, die Einladung zu Ga-lerien- und Museumsausstellungen folgt(e). Amalia Ulmans Performance Excellences & Perfections beispielsweise wurde in der Ausstellung Performing for the Camera im Jahr 2016 in der Tate Modern in London gezeigt. Heute könnte man auch schon wieder von Post-Social Media Art sprechen, da wie bei der Post-Internet Art, die sozialen Medien bereits Alltag sind. Außerdem schaffen die Künstler auch schon Arbeiten für den Galerie- und Museumsraum. Was sind ihre Themen und wie sehen ihre Werke aus?

 

Die amerikanische Künstlerin Leah Schrager reagiert auf die strenge Zensur des nackten weiblichen Körpers durch das Unternehmen Facebook. Fotos, die weibliche Nacktheit zeigen und seien es nur Brustwarzen, werden gelöscht. Leah Schrager also macht Selfies, die in Anlehnung an NSFW (Not Safe for Work) genau das sind: SFSM (Safe for Social Media). Sie übt Selbstzensur. Dafür nutzt sie einen Selfie-Stick und legt das Foto unendlich oft über ihren nackten Körper, so dass er „sicher“ für die sozialen Medien ist.

Der belgische Künstler Tom Galle übt mit seinem Corp Gear Kapitalismuskritik. Aus den Logos von Facebook, Nike, McDonald’s und Mercedes hat er in Zusammenarbeit mit Moises Sanabria and Alyssa Davis Waffen gemacht. Aus dem Nike-Logo wurde ein Messer, aus dem von McDonald’s ein Schlagring. Regelmäßig zerstört er in seinen Arbeiten iPhones und Macs, um selbstironisch das digitale Zeitalter zu kritisieren. „Humorvoll zeige ich, wie wir das Internet, soziale Medien und Technologie nutzen. Viele Menschen können sich mit den Gefühlen von Überforderung und Überaffirmation identifizieren. Es gibt eine interessante Dynamik zwischen der Überlastung durch Technologie und einer Zen-artigen Akzeptanz“, sagt er. Sein Corp Gear gibt es als skulpturale Werke.

Social Media Art greift die Utopie der Net.Art auf, die Kunstwelt demokratisieren zu können

Amalia Ulman und Andy Kassier thematisieren in ihren Performances weibliche und männliche Selbstdarstellung auf Instagram. Während Amalia Ulman verschiedene Archetypen weiblicher Rollenklischees in ihrer Performance Excellences & Perfections im Jahr 2014 vorführte, hat Andy Kassier eine Kunstfigur geschaffen, einen erfolgreichen und einsamen Selfmademan, der nur Leistung, Macht und Besitz kennt. Beide haben sie analysiert, wie sich Männer und Frauen in den sozialen Medien präsentieren, und legen in ihrer Arbeit die Mechanismen der Selbstdarstellung offen. Wenn sich Andy Kassier vor einem Porsche zeigt, gehört der Porsche ihm. Wenn Amalia Ulman sich mit dickem Babybauch zeigt, ist sie schwanger. Beide erinnern sie daran, dass online alle Lügner sind und dass auf Instagram erst einmal niemand weiß, wer man ist. Ein erfolgreicher Künstler vielleicht, dessen Performance gerade verfolgt wird. Oder ein verzweifelter Autor, dessen Text gelesen werden soll. Der Satz „Link in Bio“ weist auf das Dilemma hin, in dem Kreative stecken. So schnell kommen sie aus den sozialen Medien nicht wieder raus, die künstlerische Auseinandersetzung damit hat aber gerade erst begonnen.

ANMERKUNGEN
1 Jerry Saltz (@jerrysaltz) auf Instagram, 18. Oktober 2018: https://www.instagram.com/p/ BpF1c-Qhg7U/?taken-by=jerrysaltz
2 Evan Roth: Arist Hacker from Free Software to Fine Art, in: Aram Bartholl. The Speed Book, hrsg. von Domenico Quaranta. Berlin 2012, S. 36 – 41, hier: S. 39.
3 Hierzu auch Felix Stalder: Kultur der Digitalität. Frankfurt am Main. Suhrkamp 2016, S. 141. – „Hinzu kommt, dass die Funktion des Kritikers, der über das Interpretationsmonopol verfügt, um ein Bild für alle verbindlich zu bewerten, kaum noch von Bedeutung ist. Die Qualität eines Bildes wird stattdessen primär danach beurteilt, ob ‚andere es mögen‘, also danach, wie es im kontinuierlichen Popularitätswettbewerb innerhalb einer bestimmten Nische abschneidet.“
4 Net Aesthetics 2.0 Conversation, New York City, 2006: Part 1 of 3, in: Mass Effect. Art and the Internet in the Twenty-First Century, hrsg. von Lauren Cornell und Ed Halter. Cambridge: The MIT Press 2015, S. 99 – 106, hier S. 104.
5 Jo Berlien: Die Kanzlerin nackt. Ein paar steile Thesen zum Thema Alltagsfotografie, in: Ego Update. Katalog zur Aus stellung Ego Update – Die Zukunft der digitalen Identität im NRW-Forum Düsseldorf vom 19. September 2015 bis 17. Januar 2016, S. 178 – 187, hier: S. 1
6 Jason Farago: Stephen Shore’s MoMA Survey Shows a Restless Reformer as a Master of Photography, in: New York Times, 22. November 2017: https://www.nytimes. com/2017 / 11/22/arts/design/stephen-shore-review-moma.html.
7 Jason Farago: Cindy Sherman Takes Selfies (as Only She Could) On Instagram, in: The New York Times, 6. August 2017: https://www.nytimes.com/2017 / 08/06/arts/design/ cindy- sherman-instagram.html
8 Catrin Lorch: Instagram-Kunst. Cindy Sherman, in: Süddeutsche Zeitung, 4. August 2017: http://www.sueddeut-sche.de/kultur/instagram-kunst-cindy-sherman-1.3616218.
9 Noah Beck: How Cindy Sherman’s Instagram selfies are changing the face of photography, in: The Guardian: https://www.theguardian.com/artanddesign/2017/aug/09/ cindy- sherman-instagram-selfies-filtering-l
10 Andrew Russeth: Facetime with Cindy Sherman. The Artist on Her „Selfie“ Project for W, and What’s Behind Her Celebrated Instagram, in: W Magazine, 6. November 2017: https://www.wmagazine.com/story/cindy-sherman-instagram-selfie
11 André Gunthert: The conversational image. New uses of digital photography, in: études photographiques, Nr. 31, 2014: https://journals.openedition.org/etudesphotographiques/3546
12 McDermon, Daniel: Nan Goldin Wants You to Know She Didn’t Invent Instagram, in: The New York Times, 15. August 2016: https://www.nytimes.com/2016 / 08/16/arts/ design/ nan-goldin-wants-you-to-know-she-didnt-inventinstagram.html
13 Ein eigenes Medium. Wolfgang Tillmans im Gespräch mit Anika Meier über Handy-Fotografie und Instagram, in: Monopol Magazin, 31.05.2017: https://www.monopol-magazin.de/inter-view-wolfgang-tillmans-basel-2017
14 Meier, Anika: Es ist die Hölle. Nan Goldin im Gespräch mit Anika Meier, in: Monopol Magazin 3 / 2018, S. 78 – 87, hier: S. 87
15 Wolfgang Ullrich: Nachkunst. Metamorphosen des Werkbegriffs in kuratierter und politischer Kunst der Gegenwart, in: Kunstforum (6,7 / 2018), Bd. 254, S. 63 – 77, hier:
16 Net Aesthetics 2.0 Conversation, New York City, 2006: Part 1 of 3, in: Mass Effect. Art and the Internet in the Twenty-First Century, hrsg. von Lauren Cornell und Ed Halter. Cambridge: The MIT Press 2015, S. 99 – 106, hier: S. 103.
17 Jörg Heiser: Die Kunst der digital Eingeborenen, in: Deutschlandfunk, 11.01.2015: https://www.deutschlandfunk.de/ post-internet-art-die-kunst-der-digitalen-eingeborenen.1184. de.html?dram:article_id=304141
Studium der Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Heidelberg. Sie ist freie Autorin und Kuratorin. Für das Magazin Monopol schreibt sie eine Kolumne über Kunst und soziale Medien. Ihre Texte sind u.a. erschienen in Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel Online, Pop-Zeitschrift, art – Das Kunstmagazin, Photonews, Tagesspiegel, der Freitag, Mindstate Malibu uvm. Zuletzt hat sie die Ausstellung Virtual Normality. Netzkünstlerinnen 2.0 im Museum der bildenden Künste Leipzig kuratiert. Der Ausstellungskatalog (hrsg. mit Alfred Weidinger) Virtual Normality. The Female Gaze in the Age of the Internet ist im Verlag für moderne Kunst erschienen. Sie ist Gründerin des Kollektivs This Ain’t Art School, das auf Instagram regelmäßig Assignments in Kooperation mit Fotografen wie Alec Soth, Stephen Shore, Joel Meyerowitz und Martin Parr vergibt. – Instagram: @anika, Twitter: @thisaintanika.