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Ausstellungen: Essen · von Claudia Posca · S. 252 - 254
Ausstellungen: Essen ,

Essen
Nancy Spero

Museum Folkwang 07.06.– 25.08.2019
von Claudia Posca

Natürlich kennt man diesen Namen. Und natürlich hat diese figurativ-skripturale Kunst einen festen Platz im persönlichen Imaginären Museum. Schließlich gehört die aus Cleveland, Ohio stammende Nancy Spero (1926 – 2009) zu den bedeutendsten US-amerikanischen Künstlerinnen der Nachkriegszeit. Dennoch ist die Ausnahmekünstlerin in Deutschland eine selten gezeigte Position, – trotz zweier Documenta-Teilnahmen in 1987 und 1997. Was mutmaßlich mit der obsessiv politischen Ausrichtung ihrer Kunst zusammenhängt, die einen jeden, der diese Bilder, Zeichnungen, Gouachen, Grafiken und Installationen im Detail studiert (genaues Hinsehen ist ein Muss!) konfrontativ der Wirklichkeit menschlicher, vor allem männlich initiierter Brutalität aussetzt. Speros Kunst klagt an: Unrecht und Ungerechtigkeit, Macht, Gewalt, Folter, Vergewaltigung, Krieg, chauvinistisches Patriarchat. Genau das aber ist nicht jedermanns Sache, obwohl doch Menschenrechtsverletzungen jeden angehen.

Jetzt hat sich das Museum Folkwang Essen der hochaktuellen, rigoros humanen Kunst von Nancy Spero in der Überzeugung zugewandt, dass es in Zeiten einer weltweit erstarkenden, nationalistischen Radikalisierung der Gesellschaft höchste Zeit ist, einer an der conditio humana interessierten Kunst ein Forum zu geben. Mit Nancy Spero fand Kurator Tobias Burg eine enorm bildgewaltige Künstlerin, die im nahezu spielerischen Zugriff auf Bildvorlagen der Antike (ägyptische Göttinnen), aber auch asiatischer (Rollbilder) sowie cineastischer (Sequenzbilder-Friese) Präsentationsformen, – und das mutet paradox an –, ästhetisch verführerische, menschlich erschütternde Statements zu real existierenden Machtverhältnissen unter Einbezug oft auch implementierter Texte von Folteropfern liefert. „Ich las Berichte von Amnesty International und konnte mir ausmalen,– und kann das nach wie vor –, wie schnell man in eine Lage kommen kann, die wie die Hölle auf Erden ist, selbst in unserem Land“ wird sie im exzellent informativen Katalog zitiert.

Die 2007 für die 52. Biennale in Venedig geschaffene, raumgreifende Installation Mypole: Take no prisoners etwa,– ein Maibaum, an dessen Bändern abgeschnittene, verstümmelte, ausgelöschte Köpfe, – „mit Blut an ihren Kehlen“ (Nancy Spero) – hängen, zeigt, dass Nancy Spero das Thema Gewalt schon früh, nämlich in den 1960er Jahren umtrieb, geht doch diese Installation auf die im Ausstellungskapitel War series (1966 – 70) zu entdeckende Papierarbeit Kill Commies / Mypole (Tötet Kommunisten / Maibaum) von 1967 zurück. Anderes in der schon jetzt zu den herausragenden Ausstellungen 2019 zählenden Schau rückt in den feministisch ambitionierten Bilderzählungen anti-illustrativer Bildsprache das Thema Folter an weiblichen Inhaftierten in südamerikanischen Diktaturen und anderswo in den Fokus. Wie sehr Nancy Spero ihre Kunst dabei für die Opfer, – gegen eine institutionalisierte männliche Gewalt sprechen lässt, geht unter die Haut. Nicht minder bedrückend: ihr bildnerischer Protest gegen den Vietnam-Krieg, für den Nancy Spero in zahlreichen Papierarbeiten den Helikopter als zentrales Motiv brutalistischer Kriegsmaschinerie setzt.

Zehn Jahre nach Nancy Speros Tod ist nunmehr ihre im Flaggschiff der RuhrKunstMuseen auf 800 Quadratmetern gezeigte, 75-Werke-starke Überblicksausstellung, – die erste große in Deutschland überhaupt –, ein Must-See, besonders, wer ein Faible für bewusstseinsbildend-emanzipatorische, bildnerisch meisterliche Kunst hat. Oder einer weiblichen Kunstgeschichte von Miriam Cahn über Helen Chadwick und Ulrike Rosenbach bis zu Cindy Sherman und Kiki Smith den Namen Nancy Spero zufügen möchte. Was man unbedingt tun sollte! Denn kaum, dass es eine radikalere, engagiertere, aufklärerische Position in der Kunstgeschichte des 20. / 21. Jahrhunderts gibt. Zweifellos ist Nancy Spero eine Ikone aktivistischer Kunst, vor deren Kraft man den Hut zieht.

Mit den im Folkwang zu sehenden War series, genauso wie mit den Arbeiten zu Torture of Women hat Nancy Spero zeitlebens seziert, was der Mensch dem Menschen ist und welche Rolle der männliche Teil der Menschheit dabei spielt. Vor diesem Hintergrund auch entschied sich die 1996 mit dem „Hiroshima Art Prize“ (zusammen mit ihrem Mann, dem Maler Leon Golub) ausgezeichnete Künstlerin 1974 ausschließlich weibliche Wesen abzubilden. Was zeitgenössische, historische oder mythologische sein können. „Ich malte eine nackte Frau, die mit gespreizten Beinen über ein Zitat springt, das mit den Worten beginnt: „Die Frau ist nichts, ja, eine Frau ist nichts …“ Vier Jahre zuvor hatte Nancy Spero zusammen mit anderen Künstlerinnen die „Woman Artists in Revolution (W.A.R)“-Vereinigung gegründet – „uns ging es um den Kampf der Geschlechter.“ Es folgte 1972 die Gründung der bis heute bestehenden „A.I.R (für Artists in Residence)“-Galerie, was eine allererste weibliche Non-Profit-Galerie in New York war.

Ganz klar: Diese sich in Herz und Hirn fräsende Ausstellung liefert den Befund unbequemer Wahrheiten. Kaum Publikum, das den Parcours der Entlarvung nicht betroffen verlässt. Gesehen hat man eine teuflische Welt, der man wünscht, dass sie vom Reigen tanzender Frauen, Göttinnen, Mädchen, Musikantinnen und Dildo-Tänzerinnen, die Nancy Spero in ihrem Spätwerk auf die Bühne intensiv farbiger Bildfriese schickt, befriedet werde. Doch von erschreckend größerer Aktualität erscheint das in ihrer Kunst offen gelegte Thema oppressiver Machtstrukturen in einer offensichtlich gottlosen Welt.

Zur Ausstellung ist ein vom Museum Folkwang herausgegebener, reich bebilderter, 184-seitiger Katalog zum Preis von 20 Euro in der Edition Folkwang / Steidl erschienen. Neben Texten von Tobias Burg, Astrid Ihle, Antonina Krezdorn, Elsy Lahner, Nils Ohlsen, und Janeke Meyer Utne enthält der Katalog ein Gespräch mit Dotty Attie und ein Interview mit Kiki Smith.

Weitere Stationen der Ausstellung: Nordiska Akvarellmuseet, Skärhamm, Schweden, 22.09.2019 – 05.01.2020; Louisiana Museum of Modern Art, Humblebaek, Dänemark, 23.01.– 26.04 2020; Lillehammer Kunstmuseum, Lillehammer, Norwegen, 23.05.– 06.09.2020