Titel: Im Netz der Systeme · S. 220
Titel: Im Netz der Systeme , 1989

Timothy Binkley

Paradoxien der Interaktion

I. Die Frage

WOMIT tritt man bei einer interaktiven Installation in Beziehung?

Für Kunstwerke der altehrwürdigen Medien wie Skulptur oder Malerei hat diese Frage wenig Bedeutung. Sie ist aber ebenso sinnlos in bezug auf moderne Medien wie Film oder Video. Ob man eine Skulptur von Michelangelo oder einen Film von Godard anschaut, man nimmt das Werk einfach wahr, man reagiert darauf… und das ist im großen und ganzen alles. Der Umfang der eigenen Erfahrung wird durch die „Einbahnstraße“ definiert, die vom Sehen und Hören zum Fühlen und Denken führt. Vielleicht kehrt man zu dem Werk zurück, um es noch einmal anzuschauen, und sieht etwas Neues, doch das Werk stellt sich wiederholt mit unablässigem Eifer dar, gleichgültig sowohl dem Zugang wie auch der Reaktion des Betrachters gegenüber. Im allgemeinen ist das, worauf man reagiert, kaum in ein Geheimnis gehüllt, da die kulturelle Botschaft sich offen präsentiert. Obwohl man manchmal einen verborgenen Sinn in einem Film oder einem Bild entdeckt, verhindert die Verständlichkeit dieser Medien jene Art von unsichtbaren Strategien und geheimnisvollen Machenschaften, die das komplexe Verhalten eines Computers bestimmen. Interaktion bildet in der Kunst eine neue Dimension, aber bringt sie irgendwelche wahrhaft neue Medien hervor?1

Egal, ob sie uralt oder modern sind, Medien antworten einfach nicht. Jedes Anzeichen von Interaktion ist meistens präventiver Natur: Bleiben Sie zurück! – Sie werden die Skulptur schmutzig oder die Leinwand fettig machen. Achten Sie die heilige Integrität des Kunstwerkes, indem Sie es in Ruhe lassen. Wenn man durch seine Reaktion ein Kunstwerk verändert, wird man…

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