Magazin , 1999

Peter Sloterdijk, Sphären

Band I, Blasen

Eine gewisse Maria Porete pflegte bei ihren Auftritten ohne viel Umstände direkt zur Sache zu kommen, und die war nicht irgendetwas, sondern das Absolute. Genauer gesagt bestand ihr Konzept darin, sich mit Gott in eins zu setzen und dann Gott selbst aus sich sprechen zu lassen. Das Publikum war in den verschiedenen Städten, die Porete bereiste, von dieser frühen Form expressiver Performance begeistert. Das brachte ihr den Vorwurf der Ketzerei ein, in Folge dessen man sie am 1. Juni 1310 in Paris öffentlich verbrannte.

Laut Peter Sloterdijk ist die Geschichte dieser Mystikerin nur ein Beispiel von vielen, das einen inneren Zusammenhang von Mystik und Kunst belegt.

Auch wenn sich seine neue umfangreiche Trilogie „Sphären“ vorwiegend in philosophischer und theologischer Materie bewegt, wirft er in ihm auch ganz aktuelle und drängende Fragen auf.

Schon sein erstes großes Werk, „Die Kritik der zynischen Vernunft“, griff Fragestellungen auf, die von der Theorie der Moderne vernachlässigt worden waren, und zum damaligen Zeitpunkt via Alternativbewegungen massiv in die Alltagspraxis zurückkehrten. Und schon damals war es Sloterdijks Leistung, die meist naiven bzw. obskuren Ansätze zwischen Psychotherapie, Ökologie und Esoterik, die im Windschatten der postmodernen Beliebigkeiten aufblühen konnten, mit einem tragfähigen theoretischen Fundament bedacht zu haben. Die hohe Auflage des damaligen Doppelbandes (angeblich die bis dahin höchste für ein philosophisches Werk in der Nachkriegszeit) bestätigt zumindest das starke Bedürfnis nach einer solchen Begründung.

Zentral für seine Philosophie war und ist das Denken Heideggers. Doch wenn sich Sloterdijk damals noch weitgehend damit begnügte, dessen Theorie zu interpretieren und…

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von Michael Hauffen

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