Relektüren · von Rainer Metzger · S. 334
Relektüren ,

Relektüren

Rainer Metzger

Folge 49

Jörg Trobitius, der Übersetzer, mit dem der Verfasser dieser Relektüren damals einen wöchentlichen Jour Fixe teilte, tüftelte wochenlang am Titel. Wie sollte er mit dem „Discontent“ umgehen, das der „Art“ hier beigegeben war? Es hatte etwas mit Unzufriedenheit zu tun. Aber es hatte auch etwas mit Inhalt zu tun, und Discontent wäre dann so etwas wie Suspendierung, Dispensierung, Aufgabe von Aussage. Trobitius entschied sich, dem Untertitel, der etwas von Millenium raunte, gemäß, für eine Art Zeitdiagnose und brachte dessen Unbehagen zum Ausdruck. Das Buch aber handelt doch eher von jener modernistischen Marotte, den Inhalt auf die Eigenlogik von Material und Medium zu beschränken. Das Buch liefert eine Ästhetik, keine Kulturkritik.

Die Monate davor hatte sich Trobitius mit einem Werk auseinandergesetzt, das sich seinerseits einen Reim auf das modernistische Vermächtnis machte. George Steiners „Real Presences“, das Trobitius als „Von realer Gegenwart“ wiedergab, forcierte dessen Hymnen auf des Werkes Unmittelbarkeit, Wirkmacht, Eindrücklichkeit zu einer Art Gottesdienst. Als wäre es eine Eucharistie, ließ Steiner das Kunstwerk von der Existenz Gottes zeugen. „Presentness is grace“ lautet der Schlusssatz in Michael Frieds 1967er „Art and Objecthood“, dem letzten Stück Gnadenbezeugung des modernistischen Credos. Von nun an konnte es nur noch ein „After Modernism“ geben, und Steiners Radikalisierung des Werkbegriffs ist in seinem Dogmatismus selbst nichts anderes als postmodern, auch wenn er mit dem Begriff natürlich hinter dem Berg hält.

Thomas McEvilley hält nicht hinter dem Berg. „Kunst und Unbehagen“, mit gerade 150 Seiten schmal genug, ist eine Anthologie von Texten, die in der orthodoxen Phase…

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