Essay · S. 76
Essay , 1990

Region oder Nation?

Die Künstlergruppe „Freies Rheinland“ mit ca. 60 Mitgliedern in Köln und Düsseldorf hat die Parole „multikulturell und durchrasst“ auf ihr Papier geschrieben; die historischen Traditionsbezüge im Selbstverständnis der Manifestanten liegen denn auch nicht in den regionalen Separatistenbewegungen Anfang der zwanziger Jahre, sondern in Verweisen auf das „Junge Rheinland“ um Otto Pankok und Max Ernst mit internationalistischer Ausrichtung. Statt Heimattümelei zu forcieren, wollen die heutigen rheinischen Jung-Künstler, so Gruppensprecher Robert Reschkowski, ihre individuelle Arbeit an „das europäische Kunstwollen“ angliedern. Auch der Maler Ludwig Großmann, der unlängst in Stuttgart bei Hans-Jürgen Müller ausstellte (s. KUNSTFORUM, Bd. 104, S. 385), verweigert sich Besinnungen auf das „gemeinsame kulturelle Erbe der deutschen Nation“, wie sie vor allem Politiker aus CDU und CSU als Reaktion auf die Veränderungen in der DDR proklamieren. „Wir Künstler dürfen nicht die Rolle spielen, in die andere uns drängen, schon gar nicht die des deutschen Künstlers. Wir sollten immer ‚wir selbst‘ sein, keine Repräsentanten unseres Landes oder des Kulturbetriebs“, erklärt Großmann. Theo Lambertin, der schon immer ein seismographisches Gespür für den gesellschaftlichen Trend zu einer neu-deutschen Spießigkeit zeigte, pointiert die Widersprüchlichkeit jener, die Gorbatschow zujubeln und den DDR-Besuchern gönnerhaft Bananen hinterherwerfen, mit Wortspielen wie „Millowitsch – Malewitsch“: Im Stammtischbewußtsein reduziert sich jede innovative oder avantgardistische Geste auf einen Neckermann-Pauschal-Kosmopolitismus.

Es ließen sich wohl noch weitere solche Künstlerstatements anführen, die dem derzeitigen politischen Zeitgeist zuwiderlaufen. Eine Vordenker-Rolle, die manchen nicht geheuer ist. Nicht von ungefähr kam unlängst aus CSU-Kreisen der Vorschlag, im Programm der Goethe-Institute die Sprachkurse mit besserer finanzieller Ausstattung…

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