Ausstellungen: Stuttgart , 2000

Martin Blättner

Tony Cragg

»Spyrogyra«

Galerie der Stadt Stuttgart, 10.12.1999 – 27.2.2000

Ein Künstler als Anti-Duchamp. Die „Spyrogyra“-Objekte von Tony Cragg lesen sich wie ein ironischer Kommentar zum folgenreichen Dada-Objekt „Flaschentrockner“ von Marcel Duchamp. Im Gegensatz zu jenem, der Industriekultur entrissenen Ready-made, stellt Cragg nahezu dynamisch geschwungene Metallgestänge in den Raum, die mit farbig geätzten Flaschen bestückt sind. Der Verweis auf den puristischen Charakter des funktionalen und trivialen Gebrauchsgegenstandes wird durch die fast dekorativen Zugaben regelrecht unterlaufen. Die schlichte Reinheit des Alltags-Designs ist dahin. Der Nimbus des Spröden wurde angekratzt. Obgleich die Gestelle mit industriell gefertigten Massenprodukten in Verbindung gebracht werden können, haftet dem historischen Zitat nach bald 100 Jahren kaum mehr etwas Revolutionäres an. Die sandgestrahlten Glas-Ensembles vermitteln eher kuriose Assoziationen an den unerschöpflichen Materialbedarf und die verschwenderische Wegwerf-Mentalität der standardisierten Industrie-Produktion. Schon 1995 hat sich Cragg klar zur problematischen Revolte von Duchamp geäußert, die offenbar noch immer nicht verarbeitet ist und seit Jahren eine Renaissance nach der anderen feiert: „Oh, Herr Duchamp, Sie haben viel riskiert, aber vieles auch mit ihrer kalt taktierenden Art blockiert.“ Doch offenbar haben in dieser Ausstellung auch Cragg und die Galerie der Stadt Stuttgart insofern viel gewagt, als sie sich ausschließlich auf die gläserne „Spyrogyra“-Werkreihe konzentriert haben und die Vielschichtigkeit des Werkkomplexes von Cragg nicht berücksichtigen wollten. Das Argument des Galerie-Chefs Johann-Karl Schmidt, wonach man mit dieser Schau „die Lehrhaftigkeit einer retrospektiven Übersicht auf die verschiedenen Ordnungen in Tony Craggs Werk vermeiden“ wollte, kann nicht vollends überzeugen, weil somit bestimmte Kategorien unter den Tisch gefallen sind, die…

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von Martin Blättner

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