Kommentar , 1997

Thomas Wulffen

Über die Abschaffung der Kultur

Kultur und ihre Paradoxa

Es geht ein Gespenst umher in deutschen Landen: das Sterben der Kultur. Und die Warner stehen bereit, uns das kommende Menetekel an die öffentlichen Wände zu schreiben. Da wird das Sterbeglöckchen für die gesamte deutsche Kulturnation geschlagen, und bei nicht wenigen rollen Abschiedstränen. Dabei scheint man wesentlichen Fragen aus dem Wege zu gehen. Vielleicht auch deshalb, weil es dann nicht mehr heißen kann: Trauer muß Kultur tragen. Wer die Fragen beantworten will, sieht sich paradoxen Phänomenen konfrontiert, die intendiert oder unbewußt nicht ins Blickfeld genommen werden.
Ansprüche

Wer Ansprüche stellt, muß diese begründen können. Schon allein das für die Kultur zu fordern, wie es jeder andere produktive gesellschaftliche Bereich von sich aus tut, ist ein Sakrileg. Die Begründung läßt im Falle der Kultur auf sich warten. Die Wehklagenden gehen voraussetzungslos davon aus, daß es nichts Schöneres, nichts Wertvolleres, nichts Notwendigeres gibt als Kultur beziehungsweise Kunst. Aber die, die nicht dem Feld der Kultur zugehören, mögen das durchaus anders sehen. Was außerhalb des kulturellen Feldes existiert, scheint für die innerhalb dieses Bereichs keine Existenz zu haben. Diese `Chimären` mögen darüber hinaus auch einen ganz anderen Begriff von Kultur haben, über den man sich in den besseren Kultur-Kreisen noch nicht einmal verständigt hat, und wenn, dann mit einem dezenten Kopfnicken. Unter einer bestimmten Perspektive kann schon die Verfertigung einer Schrippe eine kulturelle Leistung darstellen. Welche Leistungen eine nicht-westliche Kultur vorzuweisen hat, bleibt ebenfalls weitestgehend außer Sichtweite. Beides nicht anzuerkennen, gehört zu jener Arroganz einer Kultur, die…

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von Thomas Wulffen

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