Titel: Kunst und Literatur II · von Heinz-Norbert Jocks · S. 238
Titel: Kunst und Literatur II , 1998

Thomas Kling

Bilderfassungen

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Bei Auftritten des Lyrikers und Essayisten Thomas Kling steigert sich die Verblüffung über seine vitale, ungeheuer spannende, unnachahmliche Interpretation eigener Texte. Den Zuhörer überschüttet der Wahl-Kölner, Jahrgang 1957, mit detaillierten Wahrnehmungen und unruhestiftenden Reflexionen über Ereignisse, von uns in der Regel als blinde Informationen gespeichert.

Mit seinem „nacht.sicht.gerät.“, so der Titel seines vorletzten, erfolgreichen Suhrkamp-Bandes, rast er durch Tage und Nächte von Rußland ins Rheinland, von den Schweizer Alpen in die Museen und von Brandenburg nach Thüringen. Sein subversiver Humor, der wie Dynamit alles Geläufige aufsprengt, Pseudogewißheiten umstößt und in Zweifel zieht, zeugt von der aufrichtigen Wut eines powernden Neinsagers, der den Veränderungen des politischen Weltklimas mißtraut.

Seine Gedichte auf hohem Niveau sind von eigenwilligem poetischen Sound, profitieren von Kenntnissen bildender Kunst. Man spürt, wie hautnah sich da jemand auf das Allernächste wie auf etwas Entferntes einläßt. Alles, was da an Häßlichem und Widersprüchlichem zu sehen wie zu hören ist, wird wie von einem Schwamm aufgesaugt. Kling, der Stadt- und Landkundige, braucht die Unmittelbarkeit des Erlebens und erfährt dabei wie Rilke das Drama der Zerstückelung unserer Wahrnehmung. Noch einmal wagt er mit Verve einen weiteren Vorstoß, alles zu einem poetischen Ganzen zusammenzuzurren. Er erzählt Geschichten, die unterwegs passieren, ruft sich Touristen in Erinnerung, die Bilder von Ländern wie Briefmarken sammeln. Ja, dieser Meister der Verlebendigung läuft mit offenen Augen durch die Welt, holt Erkundigungen am Tatort ein und verarbeitet irgendwo zufällig aufgeschnappte Aussprüche zu O-Tönen bemerkenswerter Art.

Wie ein Sprachbeschleuniger bricht er mit Konventionen, indem er sich aus…

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