Titel: Kunst und Literatur II · von Heinz-Norbert Jocks · S. 157
Titel: Kunst und Literatur II , 1998

Hermann Nitsch

Über Blut, Fleisch und Gedärme in Kunst und Literatur

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Die Aufregung um Hermann Nitsch, dem Täter und Opfer, Sünder und Erretter eines Orgien Mysterien Theaters, hat sich gelegt. Der Künstler, der wegen seiner Aktionen bedroht, verhaftet, gerichtlich verfolgt und in einem Fall sogar des Landes verwiesen wurde, ist inzwischen ein in zahlreichen Museen vertretener Etablierter, zudem Professor in Frankfurt, der seine Spuren hinterläßt. Von Anfang an betrachtete er seine Kunst als „religionsgleiche, mystische Auseinandersetzung mit der Existenz“, dabei fungieren als Leitmotive seines Theaters die Kommunion, die Kreuzigung Christi, die Blendung des Ödipus, die Entmannung des Attis, der rituelle Königsmord, die Totemtier-Tötung und die Totemtier-Mahlzeit. Daß seine Kunst klare Bezüge zur Literatur aufweist, ja daß diese gar eine Hauptquelle darstellt, darüber sinnierte er in einem Wiener Wirtshaus bei einem Abendessen im Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks.

H.-N.J.: Hat Ihr Orgien Mysterien Theater einen auch lebensgeschichtlichen Hintergrund?

H.N.: Sie befragen mich jetzt nach dem Vorwurf für ein Referat, und es hat eine lange Geschichte. Unvernünftig wäre die Frage, wie ich dazu gekommen bin? 1938 geboren, war ich am Ende des Zweiten Weltkriegs sechs Jahre alt. Ich bin in einem damals sehr konservativen Land aufgewachsen, wo der Faschismus als Gesinnung lediglich äußerlich, nicht aber innerlich abgelegt worden war. Da alle moderne Kunst vom Faschismus ausgerottet war, gab es nur wenige, die sich um neue Kunst bemüht oder diese hierher importiert haben. Als Junge knüpfte ich an unsere unmittelbare Tradition der Moderne an, also an Kokoschka, Klimt, Schiele, Schönberg, Alban Berg, Webern oder…

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