vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Ausstellungen: Berlin · von Peter Herbstreuth · S. 349 - 349
Ausstellungen: Berlin , 1998

Peter Herbstreuth
Rirkrit Tiravanija

Galerie neugerriemschneider, Berlin, 1.11. – 20.12.1997

Fotos der „Installationen“ Rirkrit Tiravanijas sind allesamt irreführend. Sie fixieren den Blick auf Gegenstände, die lediglich Werkzeuge für Handlungsverläufe sind. Ein Schnappschuß kommt der Sache am nächsten. Denn die Gegenstände haben nur im Bezug auf Handlungen Sinn. Vor vier Jahren hatte Tiravanija in der Galerie Max Hetzler, die damals noch in Köln ansässig war, eine l-förmige Mauer aus Büchern gestapelt, Tisch, Stühle, Blumen und eine kleine Teeküche dazugestellt. Man konnte Tee trinken, ein Buch lesen oder einfach nur zum Fenster hinaus schauen. „Café Deutschland“, so der Titel der Nische, war eine Antwort auf die großgemalten Anekdoten Jörg Immendorffs. Tiravanija hielt nichts fest und machte sich kein Bild von Deutschland. Er stellte ein Arrangement bereit und ließ die Dinge vor Ort geschehen. Es ermöglichte ebenso das gesellige Gespräch wie die Einsamkeit des Lesens und des Schauens in Realzeit.

In der Galerie neugerriemschneider hat er diese Arbeit erweitert, nutzte den Galerieraum als Bühne und umstellte ihn mit großen Tafeln in Schwarz, Rot, Gelb zu einem Deutschlandbild vor großem Fenster. Die Farben der Fahne dienten als Kulisse, und „Ausstellung“ war alles, was davor der Fall war. Während der Eröffnungstage gab es Performances. Danach waren noch die Requisiten zu sehen. Würden sie dem Sperrmüll übergeben, wären die Gesetze des Marktes verletzt, nicht die künstlerischen Absichten eines Handlungsreisenden in Sachen Event-Kultur.

Denn Rirkrit Tiravanijas Vorgehen steht quer zur Archivierungsbesessenheit. „Je mehr man hat, desto abhängiger ist man und desto mehr will man dazu,“ sagt er. „Besser, die Orte der Welt wirklich zu besuchen und bei anderen Gerüchen wirklich anzukommen.“ Trotz der Event-Kultur, von der er profitiert und die er mit fröhlichen Ereignissen belebt, hat seine Arbeit nur nebenbei und eher als Köder damit zu tun. Zwar initiiert er Veranstaltungen, die Spuren hinterlassen. Und das Publikum bekommt nichts vorgesetzt, was es anschauen soll, sondern wird Teilnehmer an anspielungsreichen Vorgängen. Aber reguliert werden seine settings von der Insistenz auf Anwesenheit, Teilhabe, Austausch.

Deshalb sind Bezüge zu Barnett Newmans „Wer hat Angst vor rot, gelb und blau“, das auf das Ereignis des Jetzt und Hier abzielt, nicht zufällig, sondern zwangsläufig. Wie Newman hat er die Tafeln nicht gemalt, sondern angestrichen. Wie Newman entgeht das wesentliche Moment der Kamera ganz. Der Geist der Sache läßt sich nicht abbilden, weshalb die besten Fotos jene sind, die einen Anwesenden vor der großen Farbtafel zeigen und wie bei Tiravanija eine Situation herstellen. Bei Newman erscheint das Sublime als Ergebnis des Austauschs zwischen Bild und Betrachter, bei Tiravanija als Teilhabe am Vergänglichen.

Tiravanija braucht kein Atelier. Er reist mit leichtem Gepäck, findet, was er braucht, vor Ort und entscheidet sich mit hohem Sinn für Gegenwärtigkeit. Das Zauberwort heißt Aktualisierung. Das ist die Lehre Barnett Newmans, der so bi-polare Nachfolger fand wie Tirvanija auf der einen Seite und Gerhard Merz auf der anderen. Beide betonen die Flüchtigkeit des Augensinns und die Nachhaltigkeit des bedeutend bedeutungslosen Moments als Erfahrung. Daß sich in der Kunstwelt die essentials bisweilen im Trubel verwischen, schadet nicht. Sie verwandeln sich und kehren wieder.

Die „Installationen“ lassen sich nicht festhalten. Sie sind prozeß-orientiert und haben keine endgültige Form. Fotos davon werden von Fotografen für die Galerie angefertigt, die bewahren will, was vergangen ist. Wenn umgekehrt Tiravanija selbst auf seinen Reisen fotografiert, dann konzentriert er sich auf die Wiederkehr von Handlungen im Alltäglichen. Mönche gehen hintereinander an einem See entlang. Bauern schauen über Reisfelder. Passanten bewegen sich in einer Großstadt. Diese Fotos halten fest, was Tiravanija der Wirklichkeit als Bild abnimmt: Handlungen einer gewissen Dauer, unspektakulär als Ereignis.

von Peter Herbstreuth

Weitere Artikel dieses/r Autors*in