Ausstellungen: Meran · von Michael Hübl · S. 374
Ausstellungen: Meran , 2003

MICHAEL HÜBL

Claudia Costa. Il grande mago – Der große Magier

Kunstverein Meran – art scarpulin, 31.10. – 23.11.2002

In einem Gebäude an den Lauben, dem einige Jahrhunderte in den Mauern stecken, ist der Kunstverein Meran untergebracht. Sein Name geht auf den Künstler Ugo Dossi zurück. Er schlug „Scarpulin“ vor, einen Begriff, welcher der ehemaligen Nutzung des Ausstellungsortes ebenso Rechnung trägt wie der prekären Mehrsprachigkeit in der Region, die spätestens seit den Aktivitäten des fanatischen Publizisten Ettore Tolomei und der aggressiven Italienisierungsbestrebungen Mussolinis zum Spiegel der realpolitischen Verhältnisse Südtirols wurde. „Scarpulin“ ist ein Wort aus dem Ladinischen, einer Sprache, deren Eigenständigkeit gerade Tolomei bestritt und deren Gebrauch – wie das Deutsche – im Zuge der faschistischen Italianità getilgt werden sollte. Die ungewohnte Vokabel „Scarpulin“ birgt mithin den impliziten Hinweis auf einen historischen Konflikt mit akuten Nachwirkungen1, zugleich erinnert sie an das Gewerbe des Handwerkers, der hier früher tätig war, denn „Scarpulin“ heißt einfach „Schuster“.

Die Spuren seiner Arbeit sind allenthalben erhalten. Das Holz der Türen, Fensterbänke, Wandverkleidungen ist an manchen Stellen schwarz vom Hinfassen, der Dielenboden ist so stark ausgetreten, dass sich Furchen, Kuhlen, mitunter sogar Löcher bildeten: Solche Stellen hat der Schuster geflickt, indem er abgelatschte Ledersohlen draufnagelte. Bezogen auf die Kunst von Claudio Costa wirkt dieser schäbig-erhabene Raum wie ein Resonanzkörper. Denn die Relikte einer ärmlich-arbeitsamen Vergangenheit, die unscheinbaren Zeugnisse einer vom technologischen Fortschritt entwerteten Alltagskultur, die Hinterlassenschaften einer kargen, bescheidenen und ressourcenfreundlichen Lebensform – all das bot Costa Anknüpfungspunkte für sein Konzept des „work in regress“, wie er es 1979, zwei…

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